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Wie sich junge Leute das Theater erklären

sich junge Leute Theater
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Estnische Beuys-Hommage bei den Festwochen: temperamentvolles Spiel, wenig Substanz.

Joseph Beuys (1921–1986) ist wiederauferstanden. Mit Gold-Kopf sitzt er im Wiener Museumsquartier und erklärt dem toten Hasen die Bilder. Die estnische Gruppe „Teater NO99“ von Tiit Ojasoo und Ene-Liis Semper wählte Beuys' berühmte Performance von 1965, um das Werden von Kunst zu exemplifizieren. Nachdem der Gold-Kopf verschwunden ist, hebt eine teils atemberaubend akrobatische Show an: Die zehn Schauspieler sind überaus professionell.

Sie arbeiten sich u.a. an Beuys' Diktum „Jeder Mensch ein Künstler“ ab. Ihr Feind ist, wie könnte es anders sein, die phlegmatische Kunstverwaltung, die kein Geld herausrücken will und mit Millionen um sich wirft, die sie einsparen muss. Die Böse ist Kulturministerin Laine Jänes, die offenbar nicht erfreut war, dass sie hier Watschen kriegt, denn im Programmheft liest man, die Künstler wünschen diese Identifikation nicht. Jänes heißt auf Estnisch Hase. Die Ministerin ist jedenfalls eine wichtige Figur: Eine typische Politikerin, die mit Formeln um sich wirft, von Sport mit den gleichen Floskeln faselt wie von Kunst. Die Dame schätzt Volkskultur, die in Estland sehr stark ist, tritt mit Folklore-Kostüm auf und wird gegen Ende beim großen Bierkrug-Pinkeln angepisst. Keine Sorge, nur mit Wasser.

Mit Sperrholz und viel dröhnender Musik entwickeln die Schauspieler ihre experimentellen Ideen, die weder besonders experimentell noch besonders originell sind. Ein Teil sind Partyspiele: Stelle dar, Sonne, Regen, Geburt, Tod, Atombombe, Norwegen. Die Esten wollen nach langer Besatzung los von Russland. Ferner gibt es eine Art Beruferaten sowie gekürzt Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“. Es wird das kleine, ehrgeizige Heimatland verjuxt, das Künstlerleben. Es wird improvisiert, der Arbeitsprozess reflektiert. Das ist manchmal, aufgrund der Lebendigkeit des Spiels, witzig, über weite Strecken aber eine öde Nabelbeschau. An-, Aus-, Umziehen und „Fick dich ins Knie!“ rufen ist für 2.30 Stunden einfach zu wenig. Zu beflissen passt sich oft der Osten dem Westen an, wo man sich freut, Bekanntes zu sehen. Das Publikum genoss das perfekte Handwerk und erwies sich als leicht zu unterhalten. Trotzdem hätten die Festwochen eine gehaltvollere NO99-Produktion einladen können als diese Lektion in Avantgarde von gestern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2010)