Vor der Schlachtbank. ­Anzahl der Tiere, die pro Sekunde weltweit geschlachtet werden.
Klarheit hilft

Theo Deutinger: Meister des Maßstabssprungs

Nicht Weltverbesserer, sondern Welterklärer: Der Architekt Theo Deutinger zeichnet Atlanten globaler Verhältnisse und manche Zusammenhänge völlig neu.

So viel, aber so ungeordnet. Informationen stellen sich nicht erst höflich vor an der Schwelle zum Hirn, wer sie sind und woher sie kommen – ungefragt prasseln sie auf einen ein. Da kommt viel zusammen und viel durchei­nander. Die Zusammenhänge, der Kontext. Vor allem aber auch, was Fake ist und was Wahrheit. Klarheit hilft. Auch in der Architektur, die sich ja gern auf eine solide Grundlage verlässt, allein aus statischen Gründen. Theo Deutinger ist ein Architekt, den das Statistische ebenso interessiert. Schließlich sei er „Datenjunkie", wie er behauptet. Von Flachau in Salzburg aus durchkämmt er Fakten und was sich dafür ausgibt, um daraus globale Zusammenhänge zu spinnen, aber auch zu entwirren. Und sie daraufhin klar wie Konstruktionszeichnungen zu visualisieren.

Völlig isoliert. „Ich habe ein fundamentales Interesse an den Auswirkungen der Globalisierung", erzählt Deutinger. Vor allem auch daran, wie sie sich manifestiert in unterschiedlicher Form, in Design und Architektur. Oder anders: in Machtstrukturen und Machtarchitekturen. Auch das zeigt das „Handbook of Tyranny", erschienen bei Lars Müller Publishing, anschaulich wie ein Atlas und gleichzeitig so irritierend anders, als hätte jemand die gewohnten Grenzen boshafterweise völlig neu eingezeichnet. Plötzlich wird der Architekt vom „Weltverbesserer" zum „Welterklärer": „Seit 15 Jahren widmen wir uns diesen ‚Snapshots of globalization‘, wie wir sie nennen", sagt Deutinger. Auch die Dogmatik der globalen Architektur hat er früher gern analysiert, etwa die klassische „Säulenordnung". Seine Diagnose: absurd. „Dass Architekten auf der ganzen Welt die griechische Säulenordnung lernen." Ein paar architektonische Typologien sind längst zur globalen Norm geworden. Nicht nur verspiegeltes Bürohochhaus, sondern auch noch abweisendere Gebilde wie Mauer und Zaun. Objekte und Bauwerke, an denen die Planer, Entwickler und Architekten weltweit gern dieselben bewährten Designmuster applizieren, in einem Lebensraum, der als Planet Erde im Sonnensystem seine Kreise dreht.

Gestalter. Theo Deutinger lebt in Flachau, arbeitet auch in Amsterdam.
Gestalter. Theo Deutinger lebt in Flachau, arbeitet auch in Amsterdam.(c) Zarina Kodzaeva

Gestalterisches Interesse bekommen die trennenden baulichen Elemente eher selten. Mediale Aufmerksamkeit schon eher. Speziell, wenn „sich Länder wie Israel fast gänzlich selbst einmauern", wie Deutinger sagt. Und dabei in territorialen Ex­­tremsituationen auch baulich die Extreme forcieren: Acht Meter ragen die aktuellen Entwürfe beim Gaza-Streifen über die Erdoberfläche, 80 Meter reichen sie hinunter – kaum mehr Chance auf Untertunnelung. „Was für ein enormer Aufwand da betrieben wird, welche gigantische Infrastruktur dabei entsteht und wie sehr sich die Archäologen in ein paar Hundert Jahren wundern werden, wenn sie die Mauer wiederentdecken!" Solche planerischen Aufgaben lassen sich jungen Architekten in der Ausbildung nicht gar so charmant verkaufen wie etwa „Weltverbessern".

„Globalisierung heißt Maßstabssprung: vom Reisepass zur Weltkarte.“

Kontextverschiebung. Doch Trennen, Isolieren, Separieren, Abweisen ist nicht nur im Abschnitt „Wall & Fences" relevant, sondern gleich noch einmal im Kapitel „Defensive City". Darin zeigt die lapidare Strich-ästhetik einer technischen Zeichnung, wie sich Städte und ihre Bauwerke gern wehren – mithilfe des Designs. Gegen alles, was ihnen nicht gefällt – vom Einbrecher bis zum Obdachlosen. „Als Stadtbewohner ist man sich der Logik hinter der Stadtgestaltung natürlich oft nicht bewusst", meint Deutinger. Gut, dass sein „Handbook" dafür so einige bislang unentdeckte Zusammenhänge ins Offensichtliche stülpt. Und dabei auch den Betrachter der Visualisierungen abzweigen lässt in Parallelwelten, denen man meist schon gedanklich lieber großräumig ausweicht: Bunkern, Gefängniszellen, Schlachthöfen. Auch ihre Gestaltungslogik legt Deutinger so nüchtern dar, als wäre es eine Checkliste für die Mondlandung. Theo Deutinger unterrichtet dort, wo auch die Freude am gestalterischen Experiment inoffizielles Unterrichtsfach ist: an der Design Academy Eindhoven. Und so wagt er sich gern an das Experiment der visuellen Darstellung von Fakten. Effizient dabei natürlich: die Gegenüberstellung. Wenn etwa auf der einen Seite die Länder geschwärzt sind, in die etwa Deutsche visafrei einreisen dürfen. Und auf der anderen Seite jene, die es Afghanen ohne Visa erlauben. Da steht es 159 zu 22. Vor allem der Logik der Territorialität geht Deutinger in seinen Darstellungen gern nach. Und ein entscheidender Designentwurf für das globale Konzept davon war nun einmal der Reisepass. Eine Erfindung, die während des Ersten Weltkriegs zur Grenzsicherung eingeführt wurde, wie man im „Handbook of Tyranny" erfährt. Eine Konferenz in Paris im Jahr 1920 hat danach die Systematik und das Objekt „Pass", wie wir ihn heute kennen, in Grundzügen international festgelegt.

Ein internationaler Gestaltungsentwurf also, der nächstes Jahr 100. Geburtstag feiert und die Welt verändert hat. „Mich interessiert gerade, wie in diesem Fall, die Maßstabslosigkeit. Diese globalen, allgemeinen Phänomene, die sich manchmal ganz spezifisch manifestieren." Der Entwurf des Reisepasses offenbart sich auch räumlich auf dem Planeten: „Es lässt sich von ihm ausgehend ein Raum zeichnen, dadurch macht man einen Maßstabssprung vom Reisepass zur Weltkarte." Und diesem gigantischen Satz folgt man ganz leicht: entlang von klaren schwarzen Linien.

(c) Beigestellt

Tipp

Globale Atlanten. „Handbook of Tyranny", erschienen bei Lars Müller Publishers. Und zuletzt: „Ultimate Atlas: Logbook of Spaceship Earth", in dem Theo Deutinger die visuelle Darstellung der Daten radikal reduziert: Auf schwarze Linien, die die weißen Seiten aufteilen.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 06.12.2019)