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"Mindhunter": Sicher eine der Serien des Jahres

Die Serienmörder-Serie bekommt noch nicht das Echo, das sie verdient. Bei den Golden-Globe-Nominierungen ging sie leer aus. Dabei ist "Mindhunter" so unaufgeregt gut und wird immer besser.

In der zweiten Folge von "Mindhunter" erzählt der Serienmörder Ed Kemper, wie er seine Mutter erschlagen, ihren Kopf abgetrennt und ihren Leichnam geschändet hat. Er wirkt dabei gleichgültig, fast emotionslos. "Ich habe sie erniedrigt", sagt er. "Wenn ich etwas weiß, dann dass eine Mutter ihren Sohn nicht verspotten sollte. Wenn eine Mutter ihren kleinen Sohn erniedrigt, wird er feindselig und gewalttätig und entwürdigt. Punkt."

Die Interviews mit Kemper bringen die Handlung erst ins Rollen. Davor sind die FBI-Spezialagenten Holden Ford und Bill Tench durch das Land getingelt, um einfachen Polizisten ihre Ermittlungsmethoden zu lehren. Nun aber geben sie ihrer Abteilung, der Verhaltenswissenschaft (Behavioral Science Unit), eine neue Bedeutung. Ford und ein widerwilliger Tench wollen herausfinden, wie Serienmörder denken. "Wie kommen wir den Verrücken zuvor, wenn wir nicht wissen, wie die Verückten denken?" erklärt das Tench einmal seinem Chef. Der stellt den beiden Hindernisse in den Weg. Ihre Arbeit passt nicht zu seiner Vorstellung des FBI: Er fürchtet um die Ehre und das Ansehen der Sicherheitsbehörde und er kann sich nicht vorstellen, wie man davon profitieren könnte, wenn man lernt, sich in Psychopathen hineinzuversetzen.

Das macht die erste Staffel teilweise frustrierend für die Zuseher, bringt einem diese Welt aber näher: Den Konflikt zwischen den Generationen kennt man aus dem eigenen (Arbeits-)Leben – den Alten, die weitermachen wollen wie bisher und den Jungen, die ihre Ideen auf Biegen und Brechen durchzubringen versuchen.

Die Mörder sind gar nicht so anders

Wer ein wenig Geduld hat, wird belohnt. Denn "Mindhunter" hebt sich ab von typischen Serienmörder-Geschichten. Hier geht es nicht bloß um eine Jagd auf Kriminelle, sondern um Strukturen und (Denk-)Muster. Die Serie nimmt sich Zeit, die interviewten Verbrecher zu porträtieren, zeichnet sie dabei weder sympathisch, noch besonders unsympathisch. Viele von ihnen wirken gar nicht so anders als diejenigen, die ihnen Fragen stellen.

Die dritte Hauptfigur, die Psychologieprofessorin Wendy Carr (Anna Torv ) ist beispielsweise manchmal völlig empathielos. Ford (Jonathan Groff) unberechenbar. So gut seine Intuition bei Verbrechern funktioniert, so oft scheitert er im Zwischenmenschlichen, beruflich und privat. Nur der durchaus sympathische Tench (Holt McCallany) scheint halbwegs im Reinen mit sich selbst zu sein. Auch er trägt sein "Packerl": Zuhause warten ein Adoptivsohn, zu dem er kaum Zugang findet, und seine Frau, die mit seinem Beruf nichts anfangen kann.

Emotionale Kälte, die einem Gänsehaut beschert

Die starke zweite Staffel, die im August erschien, ist typischer für das Genre: Hier wird die meiste Zeit "nur" ein Serienmörder gesucht. So grausig die Verbrechen auch sind (manchmal muss man wegschauen), so unaufgeregt werden sie erzählt. Es ist die emotionale Kälte, die einem eine Gänsehaut beschert – ein Spezialgebiet von Regisseur David Fincher, der die Serie produziert und auch die Schlüsselepisoden inszeniert hat. Erfunden wurde sie aber nicht von Fincher, sondern von Drehbuchautor Joe Penhall.

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Sie interviewen die Serienmörder: Holden Ford und Bill Tench (Holt McCallany)(c) Netflix

Keine Nominierung für die Golden Globes

Dass die Serie bisher nur eine Emmy-Nominierung bekommen hat, ist bitter. Diese ging allerdings völlig zurecht an Cameron Britton für seine fantastische Darstellung von Kemper. Nicht nur bei den diversen Fernsehpreisen ging die erste Staffel, die 2017 auf Netflix veröffentlicht wurde, unter. In der Bestenliste auf Metacritic, wo alle Listen gesammelt ausgewertet werden, landete sie damals gerade noch unter den Top 10.

Auch Staffel zwei bekommt noch nicht das Echo, das sie verdient. Bei den am Montag bekanntgegebenen Nominierungen für die Golden Globes wurde die Serie nicht berücksichtigt. Schade, denn "Mindhunter" ist eine der Serien, die immer besser werden.

Kommt eine dritte Staffel?

Ob es eine dritte Staffel geben wird, ist noch nicht ganz fix. Fincher und Penhall planen angeblich fünf Staffeln insgesamt. Der Regisseur arbeitet aber derzeit an dem Netflix-Film "Mank" über den Drehbuchautor Herman J. Mankiewicz. Solange dieser nicht fertig ist, muss "Mindhunter" warten. Schade, denn man will endlich mehr erfahren über die Figuren.

In Staffel drei, sollte es eine geben, wollen wir dann bitte nicht "nur" einen einzigen Serienkiller jagen. Sondern wieder mehr Interviews sehen. Denn die Dynamik zwischen Ford und Tench, zwischen Carr und den Tätern ist unnachahmlich gut.

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Wie denkt ein Serienmörder? Das fragen sich (vlnr) Gregg Smith (Joe Tuttle), Bill Tench (Holt McCallany), Holden Ford (Jonathan Groff) und Wendy Carr (Anna Torv)(c) Netflix

Die wahre Geschichte hinter "Mindhunter"

Den Serienmörder Ed Kemper gibt es wirklich. Zwischen Mai 1972 und April 1973 hat er acht Frauen ermordet, die letzten davon waren seine Mutter und ihre beste Freundin. Sein erstes telefonisches Geständnis nahm die Polizei nicht ernst. Erst nach dem zweiten Anruf wurde er verhaftet.

Die FBI-Spezialagenten Holden Ford und Bill Tench sind realen Figuren nachempfunden, dem FBI-Fallanalytiker John E. Douglas und dessen Kollegen Robert Ressler. Psychologieprofessorin Wendy Carr basiert auf Ann Wolbert Burgess, die am Boston College forscht und lehrt.

"Mindhunter", zwei Staffeln auf Netflix