Die „Lynchburg Winery“ (oben l.) umgeht das Alkoholverbot, der „Barrel Shop“ hält sich noch brav daran.
USA

Tennessee: Wo der Whiskey zwischen den Bäumen wächst

Wo Jack Daniel's entsteht, gilt bis heute die Prohibition. Doch seit Kurzem nutzt man Schlupflöcher. Ein Besuch in Lynchburg, Tennessee.

Flache Farmhäuser, grüne Wiesen, weiße Zäune, gelegentlich das Rot und Blau der Flagge. Draußen zieht Tennessee an einem vorbei, und mit jedem Meter, den man sich Lynchburg nähert, lässt man das fröhlich laute Nashville mit seinen Honky Tonks, Gitarrenbands und Polterrunden in Cowboystiefeln weiter hinter sich. Nach eineinhalb Stunden weist schließlich ein Schild nach rechts: Zur „Jack Daniel Distillery“. Jeder Tropfen Jack Daniel's, der irgendwo auf der Welt in einer Getränkeabteilung steht oder in einer Bar über den Tresen geht, wird seit jeher im gleichen verschlafenen Nest produziert. Lynchburg, das ist: eine Hauptstraße, ein Gefängnismuseum, ein Dorfplatz, in dessen Mitte ein Gericht, umgeben von Fassaden wie aus einem Westernfilm.

Ein wenig scheint hier alles aus der Zeit gefallen. Die Plastikbuchstaben, die zum „All you can eat breakfast“ laden, waren wohl schon in den Fünfzigern nicht neu. In einem Laden verkaufen die „Lynchburg Ladies“ Handarbeit: Patchworkdecken, pastellfarbene Häkeldeckchen und gestrickte Püppchen. Nebenan gibt es selbst gemachten Fudge (mit Jack Daniel's). Im Caboose Café serviert man Pulled Pork und Reis mit Bohnen, Jambalaya und Pecan Pie. Vor Judys Ledergeschäft steht eine Bank, darüber der strenge Hinweis: „Kein Herumlungern nach 19 Uhr.“
Die Destillerie am Ortseingang erreicht man über eine kleine Brücke über einen Bach (ein Schild warnt vor Schlangen und Schnappschildkröten). Sie ist ein offizielles Kulturdenkmal – und empfängt einen mit einer modernen, luftigen Holzkonstruktion, in der auch ein kleines Museum untergebracht ist.

Die Sammlung gibt einen ersten Einblick in die Geschichte. Während eine alte Flasche aus dem Jahr 1880 noch unscheinbar ist, hat eine andere von 1906 schon die typische eckige Form. Die Artefakte gehen zurück auf Art Hancock, den ersten Marketingbeauftragten, den die Destillerie je engagierte. Sein Motto: „Tell, not sell“. Was verdächtig nach heute modernem Storytelling klingt, postulierte er schon in den Fünfzigerjahren. Erzählt wird uns die Geschichte von Amerikas ältester registrierter Destillerie und ihres Gründers von Chad. Chad trägt Latzjeans, Schlapphut und einen sorgfältig gezwirbelten Südstaaten-Hipster-Schnurrbart und wurde, natürlich, in Lynchburg geboren. Und er warnt uns vor dem, was kommt: eine Drittelmeile Weg, 140 Stufen, zwischendurch könne es heiß und laut werden und je nach Empfinden auch „ein bisschen riechen“.

Die Tour startet im Freien, wo der erste Stop der Kohle gilt, durch die der Whiskey später gefiltert wird – was den Tennessee Whiskey vom Bourbon unterscheidet. Die Destillerie stellt ihre Kohle sogar selbst her: Dafür wird Zuckerahorn mit Old. No. 7 besprüht und angezündet, nach ein bis zwei Stunden sind aus dem Holz fingernagelgroße Kohlechips geworden.