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So wurde Deutsch keine 6. UN-Sprache

(c) Mitteldeutscher Verlag
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Memoiren eines „Presse“-Mannes in Bonn und Ostberlin.

Versäumnisse, Schlampereien, zu späte Entscheidungen von Politikern haben fatale Auswirkungen. Der frühere langjährige „Presse“-Korrespondent in Deutschland, Ewald König, weiß ein Lied davon zu singen: 1973 boten die UN den beiden deutschen Staaten an, als sechste Amtssprache Deutsch einzuführen – neben Englisch, Französisch, Russisch, Chinesisch und Spanisch. Ein sechster Dolmetsch-Kanal wäre für Deutsch noch frei gewesen. Doch dazu brauchte der ständige BRD-Vertreter bei der UNO eine Weisung aus Bonn. Walter Scheel (FDP), damals Außenminister, tat nichts. Worauf die zunächst völlig perplexen arabischen Staaten zuschlugen.

Der Mann wurde Bundespräsident!

 

Akkreditiert in Bonn und Pankow

König schildert im dritten Band seiner Erinnerungen wie schon gewohnt ungemein farbig Erlebnisse, die nur ein Journalist haben konnte, der sowohl in Bonn als auch in Ostberlin akkreditiert war. Das hat vor ihm kein österreichischer Berichterstatter geschafft. Er war auch bei Günter Schabowskis legendärer Pressekonferenz am Abend des 9. November 1989 zugegen.

Im September 1990 endete die Mitgliedschaft der DDR bei den Vereinten Nationen. Hier verhielt sich der letzte DDR-Ministerpräsident, Lothar de Maizière, äußerst seltsam. Die UN wollten eine große Abschiedszeremonie veranstalten, aber es kam nur aus Bonn Hans-Dietrich Genscher. Die DDRler blieben fern. Die Botschaft war bereits kommentarlos geräumt worden, ihr Ständiger Vertreter, ein sehr geschätzter Diplomat, wurde in die Arbeitslosigkeit geschickt.

 

Kohls größter politischer Coup

Für Helmut Kohl ein unglaublicher Erfolg, für Russland ein Vorgang tiefster Erniedrigung: der Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen aus Ostdeutschland. Drei Jahre und acht Monate dauerte er und stellte eine logistische und finanzielle Herausforderung sondergleichen dar: 22 Divisionen, 49 Brigaden, 42 Regimenter, 124.000 Waffen und Gerät, 2,5 Millionen Tonnen Material, 700.000 Tonnen Munition, 546.000 Personen, davon 340.000 Soldaten, Zehntausende Kinder. Deutschland zahlte nur den Transport bis zur russischen Grenze. Dahinter war – nichts. Keine Wohnhäuser, keine Kleidung, keine Lebensmittel. Die abgeschobenen Soldaten hausten zunächst auf bloßer Erde, wird erzählt. Am 31. August 1994 war der Abzug dieser russischen „Westgruppe“ abgeschlossen. Vorher bediente sich der US-Geheimdienst noch an den Kenntnissen bestochener abziehender Offiziere, die auch zu Billigstpreisen Militaria- und Flohmärkte belieferten. Und Autos verschleuderten.

Auch dem problematischen Kapitel Nato-Osterweiterung weicht der Korrespondent nicht aus. Seine Gesprächspartner schildern glaubwürdig, dass die westlichen Militärs angesichts der deutschen Wiedervereinigung zunächst glaubten, ihre Mission sei erfüllt und die Nato werde sich ebenso auflösen wie der gegnerische Warschauer Pakt. Eine hochrangige deutsche Militärdelegation verbrachte drei Tage in bester Vertrautheit mit Wladimir Putin. Außenminister Genscher versicherte den Russen, es werde keine Nato-Erweiterung geben. Doch die amerikanische Politik machte verheerende Fehler, der Keim zum heute so üblen Verhältnis zwischen Putin, den Europäern und den Amerikanern war gelegt. Ewald König hat diese diplomatischen und militärischen Verirrungen hautnah miterlebt. Man ist ihm als Zaungast dankbar für derlei Einblicke.

Ifno

Ewald König
„Die DDR und der Rest der Welt
Außenbeziehungen zur Wendezeit – Notizen eines Wiener Korrespondenten“

Mitteldeutscher Verlag, 424 Seiten, 20,50 Euro

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2019)