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Geschichtsdidaktik

Historisch Denken, hinterfragen, richtige Antworten liefern

(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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In der neueren Unterrichtsdidaktik dreht sich alles um das Prinzip der Kompetenzvermittlung. Aber wird diese Richtlinie speziell im Geschichtsfach auch angewendet? Eine Studie zeigt ein − abhängig von ihrem Alter − unterschiedliches Verhalten der Lehrkräfte.

Nein, über den 100-jährigen Krieg – vor einigen Jahrzehnten noch eine Maturafrage für Gymnasiasten – erfährt man im Geschichtsunterricht kaum etwas. „Heute steht die fachspezifische Kompetenzorientierung im Vordergrund“, sagt Christoph Kühberger. Der Salzburger Uni-Professor für Geschichts- und Politikdidaktik im Fachbereich Geschichte hat mit einem Team den Geschichtsunterricht in der Sekundarstufe 1 (5. bis 8. Schulstufe) analysiert. Die Kernaussage nach Abschluss des vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Projekts: Historische Kompetenzen werden zu wenig gefördert.

Der Geschichtsunterricht zielt, so der Befund, nach wie vor auf die Inhalts- statt Kompetenzvermittlung ab. „Schüler sollen selbstständig historisches Denken lernen“, sagt Kühberger, fügt aber noch hinzu: „Man braucht natürlich auch Wissen.“ Es gehe um die „Fähigkeit des fachlichen Denkens.“ Man müsse mit der Geschichtsquelle arbeiten, diese dann aber hinterfragen. Jahreszahlen hätten weiterhin ihren Stellenwert, aber es gehe, um ein Beispiel zu nennen, nicht um die präzise Angabe, von wann bis wann das Mittelalter dauerte. Vielmehr sollte man wissen, welche Entwicklungen und Ereignisse Anfang und Ende dieses Zeitalters bewirkt hätten.

 

Ein beliebtes Fach bei Schülern

Ist überhaupt bei den Schülern ein besonderes Interesse für den Geschichtsunterricht feststellbar? „In der gesamten Gesellschaft ist das Interesse für die Vergangenheit, für die Geschichte vielfältiger geworden“, sagt der Salzburger Historiker. Umfragen zeigen zudem, dass das Unterrichtsfach von den Schülern geschätzt werde. Aber natürlich gebe es Diskussionen, was Schüler tatsächlich lernen sollen. Zur Verfügbarkeit des Wissens steht auch die schnelle Information über das Internet bereit. Für Kühberger ist daher das „historische Denken“ besonders wichtig. Wenn beispielsweise eine Persönlichkeit eine Ansprache gehalten hat, dann sollte die Lehrkraft nicht oder nicht nur die Frage nach dem Inhalt der Rede stellen. Interessanter sei, an wen die Rede gerichtet wurde, was der Zweck der Rede war, ob vielleicht eine Manipulation mit im Spiel war.

Die Haltung der Lehrer hänge von deren Alter ab, bei jüngeren ist die Geschichtsdidaktik Teil ihrer Ausbildung inklusive einer Kompetenzorientierung, so ein – nicht unerwartetes – Untersuchungsergebnis. Ältere Lehrer wurden in ihrem Studium noch nicht mit einer kritischen Geschichtsbetrachtung konfrontiert, zudem hätte sich ihre Unterrichtspraxis über Jahre und Jahrzehnte gefestigt. Die neue Didaktik setzt sich aber durch. Die Veröffentlichung zum FWF-Projekt, die Kühberger gemeinsam mit Ulrike Kipmann von der Pädagogischen Hochschule Salzburg herausgegeben hat, liefert einen eindeutigen Befund. Die fachspezifische Kompetenzorientierung wird von einer Mehrheit der befragten Lehrer als „wichtig“ (42,4 Prozent) bzw. „sehr wichtig“ (19,3 Prozent) wahrgenommen.

Bei den Schulbüchern hat sich einiges verändert. Heute liegen anstatt der Bücher Arbeitsmaterialien auf, und nach jedem Kapitel werden Fragen gestellt. Aber auch hier folgt eine Kritik: „In 70 Prozent werden Inhalte des Kapitels abgefragt, nicht oder zu wenig aber weitergehende, von den Schülern selbst zu erarbeitende Antworten.“ Nach den Umfragen sagen immerhin 80 Prozent der Schüler, dass das Schulbuch für Geschichte jede zweite Stunde genutzt wird.

 

Umdenken nach Pisa-Schock

Ein tief greifender Wandel in der Unterrichtsdidaktik habe sich mit dem „Pisa-Schock“ vor etwa 20 Jahren ergeben. Die österreichische Bildungspolitik wurde durch den internationalen Ländervergleich in der Pisa-Studie aufgerüttelt und in Richtung der „Fähigkeit des fachlichen Denkens“ verändert.

LEXIKON

Kompetenzorientierung bedeutet, dass man über die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft verfügt, sich mit einer Problemstellung auseinanderzusetzen.

Der Geschichtsunterricht, früher
durchgehend in jeder Schulstufe zwei Stunden pro Woche, wurde in Österreich vor etwa 30 Jahren gekürzt. In den ersten Klassen der AHS und der Neuen Mittelschule gibt es keinen Unterricht, dann können die zwei Wochenstunden zugunsten eines Informatikunterrichts auf eine Stunde gekürzt werden – was auch sehr oft praktiziert wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2019)