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Literaturnobelpreis

Handke, verlassen von allen bösen Geistern?

Peter Handke am Freitagvormittag bei der Pressekonferenz in Stockholm, die mit einem Geburtstagsständchen begann – und mit drastischen Worten des Autors endete.
Peter Handke am Freitagvormittag bei der Pressekonferenz in Stockholm, die mit einem Geburtstagsständchen begann – und mit drastischen Worten des Autors endete.(c) APA/AFP/JONATHAN NACKSTRAND

Die „ignoranten Fragen“ der Journalisten seien schlimmer als ein Brief auf Klopapier: über Handkes ersten Auftritt in Stockholm – und einen biblischen Besessenen.

„Sind denn hier nur Österreicher?“, fragte der Literaturnobelpreisträger 2019 zwischendurch fast in Scherzlaune, nachdem mehrere Fragen hintereinander von Landsleuten gekommen waren. Diese Fragen waren auch die seiner Stimmung zuträglichsten. Es gab auch andere auf der Internationalen Pressekonferenz in Stockholm – oder im Grunde war es nur eine einzige Frage, die dafür sorgte, dass dieser Auftritt nicht so friedlich endete, wie er angefangen hatte. Wie so oft in den vergangenen Wochen endete Handke, diesmal in bescheidenem Englisch, mit einer drastischen Botschaft an ihn kritisierende Journalisten, vielleicht noch drastischer als gewohnt: Er habe einen anonymen Brief erhalten, erzählte Handke, mit Klopapier, eine „Kalligrafie von Scheiße“. Und dieser Brief sei ihm lieber „als eure leeren und ignoranten Fragen“.

 

Vielleicht brauche es Dämonen

Dabei hatten die in Stockholm versammelten Journalisten anfangs sogar ein Ständchen auf Handke gesungen, der an diesem Tag seinen 77. Geburtstag feierte. Sichtlich zur Gelassenheit entschlossen, wich das Geburtstagskind auch ruhig aus, als bereits die erste Frage sein Engagement im Jugoslawien-Krieg betraf: „Das ist eine sehr lange Geschichte, sie zu erzählen, ist hier nicht die richtige Zeit.“

Angesprochen auf seine neuen Schreibprojekte deutete Handke dann ein Thema seiner für Samstag geplanten Nobelpreisrede an. Er habe gerade die Evangelien wieder gelesen, und ihn leite derzeit eine „sehr schöne Geschichte“ daraus, nämlich jene vom Mann, dem Jesus am See Genezareth seine Dämonen austreibt. Nun versuche er selbst eine Geschichte von einem Mann zu erzählen, den seine Dämonen verlassen hätten. „Vielleicht wird er bedauern, dass ihn die bösen Geister verlassen haben“, sagte Handke, „vielleicht ist das nicht so gut. Ich weiß es nicht, ich bin selbst neugierig.“

Auf die Frage, wie er mit den in Stockholm stattfindenden Protestdemonstrationen gegen seine Auszeichnung umzugehen gedenke, gab er die Frage zurück: „Vielleicht brauche ich Ihren Rat, sagen Sie es mir.“ Und Handke erzählte, wie er 2014 in Oslo, wo er den Ibsenpreis entgegennehmen sollte, mit den Demonstranten habe reden wollen. Sie hätten ihn Faschist genannt, er sei stehen geblieben, „ich wollte mit ihnen reden, aber sie wollten nicht mit mir reden. Also wusste ich nicht, was tun.“

Dieselbe Erfahrung habe er gemacht, als er nach der Veröffentlichung seines Buchs „Winterliche Reise“ auf Lesereise gewesen sei. Er habe mit den Demonstranten reden wollen, „aber es war kein Dialog möglich“. Auch von einer „idealistischen Idee“ erzählte Handke am Freitag. Er habe sich gewünscht, mit zwei Müttern zusammenzutreffen, die im Jugoslawien-Krieg ihre Kinder verloren hätten, mit einer serbischen und einer bosnischen. Doch ein Freund in Bosnien-Herzegowina habe ihm gesagt, dies sei derzeit nicht möglich.

Doch die versöhnlichen Töne brachen ab, als ein Journalist Handke fragte, warum er beim Schreiben die „Fakten des Genozids“ ignoriert habe. Handke hatte seine Reaktion offensichtlich vorbereitet. Er las einen Brief vor, dem ihm, sagte er, ein Journalist der „New York Times“ geschrieben habe. Er fühle sich bei Handkes Serbien-Texten trotz der großen sprachlichen Unterschiede an die Tweets von Trump erinnert, schrieb der Journalist unter anderem. Und fragte auch, wie sich Handke beim Gedanken fühle, dass, würde er morgen sterben, seine Nachrufe im zweiten Satz schon von der Kontroverse handeln würden.

 

„Meine Leute sind Leser, nicht Sie“

Der anonyme Toilettenpapierbrief, schloss Handke, sei ihm lieber als die Fragen solcher Journalisten. „Ich werde keine eurer Fragen beantworten. Meine Leute sind Leser, nicht Sie.“ Oder meinte er mit dem Satz „My people are readers, not you“ gar: „Mein Volk sind Leser, nicht Sie“? Bedauernswert war, dass Handke seinen Auftritt bei der Pressekonferenz in Stockholm offenbar freiwillig in seinem wenig differenzierten Englisch absolvierte, anders als die zweite heuer Ausgezeichnete, die auf Polnisch antwortende Olga Tokarczuk. Bedauernswert nicht nur, weil Handke selbst viel Wert auf die richtigen Worte legt, sondern auch, weil derzeit jedes seiner Worte in der Öffentlichkeit auf die Waagschale gelegt wird.

Nur wenige Stunden vor Handkes Auftritt hatte der frühere Ständige Sekretär der Akademie und ehemalige Balkan-Korrespondent, Peter Englund, erklärt, er werde wegen des Preises für Handke an der Nobelpreiszeremonie nicht teilnehmen, denn das wäre „eine große Heuchelei“. Friedlicher geht es in Stockholm rund um Tokarczuk, die Preisträgerin für das Jahr 2018, zu. Sie gab Auskunft über die mit einem Teil ihres Preisgelds gegründete Stiftung, die sich offenbar verschiedensten Anliegen wie der Förderung von Autoren und Übersetzern, Ökologie und Tierschutz widmen soll.

Nobelpreis für Handke – was noch kommt: Am Samstag hält Peter Handke ab ca. 17.30 Uhr in der Schwedischen Akademie seine Nobelpreisrede, nach der Rede von Olga Tokarczuk (16.45 Uhr). Am Dienstag, dem 10. 12., findet im Konserthuset Stockholm (der großen städtischen Konzerthalle) der Höhepunkt und auch Schlussakt der Nobelpreisfeierlichkeiten statt: die feierliche Verleihung der Preise für 2018 (Tokarczuk) und 2019 (Handke). Zwei Akademiemitglieder halten dabei die Laudationes: der schwedische Autor Per Wästberg auf Tokarczuk, der Literaturwissenschaftler Anders Olsson auf Handke.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2019)

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