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Ohne Ende

Rechtsstreitigkeiten können lang dauern – und das ist nicht neu: Umwelthistoriker haben nun einen 112 Jahre dauernden Zwist um eine Insel im wilden Donaustrom dokumentiert.

Dass Gerichtsverfahren manchmal ewig zu dauern scheinen, ist kein modernes Phänomen. Im Lichte historischer Ereignisse wirken sogar Prozesse wie jener in der Causa Buwog überschaubar. Ein bekanntes Beispiel dafür ist ein Grenzstreit zwischen den Klöstern Gaming und Admont wegen eines Waldstücks, der unterm Strich 337 Jahre dauerte; die Folge davon ist aus heutiger Sicht freilich begrüßenswert, denn dadurch blieb der Rothwald jahrhundertelang unbewirtschaftet und bildet nun eines der letzten Wildnisgebiete Mitteleuropas.

Von einem noch absurderen Langzeitprozess berichtet der Wiener Umwelthistoriker Christoph Sonnlechner in dem kürzlich vom Zentrum für Umweltgeschichte der Boku Wien herausgegebenen Buch „Wasser Stadt Wien“ (496 S., 39 €) – dem neuen Standardwerk zur Geschichte der Wiener Gewässer. Die Donau floss nicht schon immer in dem schnurgeraden Bett zwischen Dämmen und der Donauinsel: Bis zur großen Regulierung 1870–75 war der Strom, der sich nach der Engstelle zwischen Leopolds- und Bisamberg in die Ebene ergießt, ein Gewirr von kleinen und größeren Flussarmen und Inseln, die bei jedem Hochwasser ihre Größe und Lage änderten. Mit dieser natürlichen Dynamik konnten die Menschen überhaupt nicht umgehen.

Um den hohen Holzbedarf in der frühen Neuzeit, als Wien zur Residenzstadt ausgebaut wurde, zu decken, wurden die Auwälder intensiv genutzt. Die Frage war nur: Wer war der Grundeigentümer und durfte die Bäume schlägern? 1547 gerieten sich das Stift Klosterneuburg und das Wiener Bürgerspital – die beiden größten Grundeigentümer – wegen einer Insel im Donaustrom in die Haare. Ortstermine und Zeugenbefragungen brachten keine sofortige Klärung, der Prozess schleppte sich dahin, und die Lage wurde immer verwirrender. Denn die vom Kloster beanspruchte Insel erodierte zusehends, während eine neue Insel nahe von Bürgerspital-Gründen wuchs.

1611 wurde zwar ein Urteil gefällt, doch die Streitparteien konnten sich nicht einigen, auf welche Insel sich das Urteil bezog. „Nach 85 Jahren Rechtsstreit wusste niemand mehr, worum es bei dem Konflikt wirklich ging“, schreibt Sonnlechner. Selbst ein 1632 vom Kaiser höchstpersönlich gesprochenes Revisionsurteil wurde nicht akzeptiert, und erst 1659, nach 112 Jahren des Streits, einigte man sich auf einen Kompromiss. Der war freilich schnell wieder hinfällig, weil die Donau schon bald neue Tatsachen schuf


Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum Magazins“.

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diepresse.com/wortderwoche

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2019)