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Gastbeitrag

Braunau: Wie soll man umgehen mit dem Geburtshaus des Bösen?

(c) Peter Kufner
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Hitlers Geburtshaus in Braunau soll „neutralisiert“ werden und eine Polizeistation beherbergen. Eine verantwortungslose Idee.

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Ich gestehe es freimütig: Ich war in den vergangenen Jahren kein Unterstützer von Andreas Maislingers Idee, Hitlers Geburtshaus in Braunau am Inn in ein „Haus der Verantwortung“ zu verwandeln. Ich hatte immer den Eindruck, dass es der völlig unangebrachten Fetischisierung des Ortes erst recht noch einmal Vorschub leistet. Immerhin hat Adolf Hitler nur wenige Monate im Haus und die ersten drei Jahres seines Lebens in der Stadt verbracht und keine prägenden Eindrücke dort empfangen. Seine „formative years“ verbrachte er woanders: in Wien, dem er in einer Hassliebe verbunden war.

Braunau war nicht mehr als ein Zufallsgeburtsort für den Sohn eines herumziehenden Zollbeamten. In „Mein Kampf“ stilisierte Hitler den Zufall freilich zu einer Fügung des Schicksals. Das Geburtshaus wurde nach dem „Anschluss“ von der NSDAP zu einem überhöhten Preis gekauft und gleich danach als „Geburtsstätte des Führers und Reichskanzlers Adolf Hitler“ unter Denkmalschutz gestellt, zu einer zentralen Kultstätte wurde es aber nicht: Nach einer Sanierung wurde ein Kulturzentrum mit einer Galerie und einer Volksbücherei installiert.

 

Kein Täterort, kein Opferort

Was gäbe es also an diesem Ort zu lernen? Das „Hitler-Haus“ in Braunau hat keinerlei Bedeutung für die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Massenverbrechen, es handelt sich auch nicht um einen Täterort, wie etwa der Standort einer Verfolgungsbehörde, und schon gar nicht um einen Opferort, wie ein Lagergelände, auf dem Menschen gelitten haben und zu Tode gebracht wurden.

Vielsagend ist freilich der Umgang mit diesem Ort: seine geradezu mythische Aufladung als „Geburtsort des Bösen“, die ihn global bekannt macht – und die Hilflosigkeit im Umgang damit. Schon mit einer Betreuungseinrichtung für Menschen mit Behinderungen wurde eine Art Teufelsaustreibung inszeniert. Vor allem aber die Abrissideen vom damaligen Innenminister gaben den Blick frei auf seltsame Fantasien von Reinigung und Löschung. Sobotka nannte eine Schleifung die „sauberste Lösung“.

Das Innenministerium richtete schließlich eine „Kommission zum historisch korrekten Umgang mit dem Geburtshaus Adolf Hitlers“ ein. Als „historisch korrekt“ wurde empfohlen, das Gebäude sozial-karitativ oder behördlich-administrativ zu nutzen, die weitere Assoziierung mit der Person Hitlers bzw. mit dem Nationalsozialismus, auch durch eine museale Nutzung, möglichst zu unterbinden und eine architektonische Umgestaltung vorzunehmen, die den Wiedererkennungswert des Gebäudes und damit seine Symbolkraft zerstört. Freilich wollte man sich nicht dem Vorwurf aussetzen, die Geschichte des Ortes zu leugnen. Also forderte man gleichzeitig „eine historische Kontextualisierung unter Einbeziehung der Öffentlichkeit“. Wie das zusammengehen könne, wurde im Dunkeln gelassen.

Die verantwortungsloseste Idee ist nun, die Polizei in Hitlers Geburtshaus einzuquartieren. Die Begründung von Innenminister Peschorn macht dies deutlich: „Wir wollen das Haus als Ganzes der Erinnerung entziehen und es so neutralisieren!“ Der Grundsatz „Niemals Vergessen!“ solle dabei aber natürlich nicht außer Acht gelassen werden. („Der Standard“, 21. 11. 2019)

Also: Der Erinnerung entziehen und niemals vergessen! Das ging in der österreichischen Erinnerungskultur und Geschichtspolitik natürlich schon immer gut zusammen und kann als erprobt gelten. Oder, ebenfalls Peschorn: „Die Polizei ist von sozial nicht weit entfernt.“ Ist sie möglicherweise nicht. Ebenso wenig ist sie in ihrer Geschichte weit entfernt gewesen von der Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten. Hat man das in diesem Zusammenhang übersehen? Wurde die Geschichte der österreichischen Polizei im 20. Jahrhundert schon gut genug geschrieben, um auf lästige Fragen von internationalen Journalisten Antworten parat zu haben? Wurde vergessen, dass die österreichische Polizei auch in ihrer jüngeren Geschichte keinesfalls immun ist gegen Rassismus? Welche Schulungen will man die im Hitler-Haus diensthabenden Polizeibeamten durchlaufen lassen, damit sie Neugierigen aus aller Welt die Geschichte des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkriegs und der NS-Vernichtungspolitik ausführlich und differenziert erklären können? Mit welchen Sprachregelungen will man sie ausstatten? Wurde das bereits im Innenministerium bedacht?

 

Es geht um Entzauberung

Das Gebäude Salzburger Vorstadt 15 selbst hat keinen Wiedererkennungswert. Wer weiß schon, wie es ausschaut – in Österreich und vor allem darüber hinaus? Es ist ein gesichtsloses Vorstadtgebäude mit alter Bausubstanz. Architektonische Eingriffe sind somit irrelevant. Sie können allerhöchstens unbeabsichtigt zu einer Aufwertung führen, vor allem, wenn ein „europaweiter Architekturwettbewerb“ angekündigt wird. Braunau wird mit dem oder ohne das Gebäude, mit einer oder ohne eine andere Fassadengestaltung der „Geburtsort des Bösen“ bleiben. Zwei andere, ebenso aufgeladene Orte, an denen heute eigentlich nichts mehr zu sehen ist, machen dies deutlich: der Obersalzberg bei Berchtesgaden, wo Hitlers Landhaus, der Berghof, stand (ein wirklicher Täterort, weil sich hier regelmäßig die Machtelite des „Dritten Reiches“ aufhielt und politische Entscheidungen gefällt wurden); und das Areal der Reichskanzlei und vor allem des sogenannten Führerbunkers in der Mitte Berlins (ebenfalls ein veritabler Täterort, der allerdings – spiegelbildlich zum Braunauer Geburtshaus – aufgrund von Hitlers Selbstmord in den letzten Kriegstagen vollkommen unangemessen mythisch überhöht wird). Nichts ist dort mehr zu erkennen, dennoch sind es touristische Orte und Pilgerstätten.

 

Auch kein Grund zur Panik

Eine Polizeistation wird das Hitler-Geburtshaus nicht entzaubern oder „neutralisieren“ können, wie beabsichtigt, ganz im Gegenteil. Sie ist geradezu der Garant dafür, dass die Diskussionen weitergehen werden. So viel kann man als Historiker getrost prophezeien. Das Unfall- und Skandalpotenzial ist einfach zu offensichtlich. Vielleicht ist das ja auch in diesem Zusammenhang mit „Niemals Vergessen!“ gemeint. Der fahrlässige Vorschlag des Innenministers sollte endlich zum Anlass für eine längst überfällige ernsthafte Diskussion genommen werden – in Braunau vor Ort, vor allem aber in Wien und in ganz Österreich.

Es gibt kein einfaches Rezept („historisch korrekt“) für den Umgang mit einem solchen Ort und mit einem solchen Mythos. Es gibt freilich auch keinen Grund, in Panik zu verfallen. Es finden ja nicht täglich riesige Neonazi-Kundgebungen in Braunau statt. Aber man wird wohl vom Innenministerium erwarten können, dass ein sinnvolles und tragfähiges Konzept entwickelt wird, nach den wirklich dilettantischen Ideen der letzten Jahre und der vergangenen Wochen. Vielleicht ist es am Ende doch ein „Haus der Verantwortung“, wie schon lange von Andreas Maislinger gefordert.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Der Autor

Dirk Rupnow (*1972) ist Universitätsprofessor am Institut für Zeitgeschichte sowie derzeit Dekan der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Innsbruck. Er ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Wiener Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien und war Konsulent der Eröffnungsausstellung des Hauses der Geschichte Österreich in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2019)