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Tschechien

Sechs Tote bei Amoklauf in Uni-Klinik

Das Krankenhaus in Ostrava.
Das Krankenhaus in Ostrava.(c) imago images/newspix (Pawel Jedrusik via www.imago-ima)
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Ein 42-Jähriger erschoss in der Stadt Ostrava sechs Menschen, die in der Notaufnahme des Krankenhauses warteten. Offenbar fühlte er sich von der Klinik schlecht betreut.

Prag/Ostrava. Schock in der tschechischen Industriestadt Ostrava (Mährisch-Ostrau): Dort hat ein 42-jähriger Tscheche am Dienstag in der Universitätsklinik sechs Menschen, vier Männer und zwei Frauen, erschossen. Zwei weitere Schwerverletzte kämpfen nach Notoperationen um ihr Leben. Der mutmaßliche Täter richtete, während er von der Polizei verfolgt wurde, die Waffe gegen sich selbst.

Der Amokläufer, ein Bautechniker, kam gegen 7.15 Uhr in einen Warteraum der Notaufnahme des Krankenhauses und eröffnete sofort das Feuer aus einer Pistole auf die dort Sitzenden. Er schoss ihnen aus nächster Nähe in Kopf, Hals und Brust. Das alles geschah innerhalb weniger Sekunden. Als die Polizei drei Minuten später eintraf, war der Attentäter bereits geflohen. Er verließ mit seinem Auto das Gelände der Klinik in Richtung seines Heimatortes.

 

Verfolgung mit Hubschrauber

Zuvor hatte er seine Mutter telefonisch über seine Tat informiert. Sehr wahrscheinlich durch Hinweise der Mutter kam ihm die Polizei nach dreistündiger Fahndung auf die Spur. Als diese mit einem Hubschrauber über dem etwa elf Kilometer von Ostrava entfernten Dorf kreiste, schoss der Angreifer auf sich selbst. Er wurde noch ins Krankenhaus gebracht, wo sich die Ärzte eine halbe Stunde um ihn bemühten, bis er starb.

 

Pistole illegal besorgt

Über die Motive der Tat gibt es bisher nur Mutmaßungen. Wie Premierminister Andrej Babiš zu Medien sagte, sei der Mann selbst vor einiger Zeit im Klinikum von Ostrava behandelt worden. Offensichtlich aber nicht zu seiner Zufriedenheit. Wie der Rundfunk in Prag erfuhr, hatte er gegenüber seinem Arbeitgeber wiederholt betont, dass er schwer krank sei und niemand ihm helfen wolle. Er habe sich dabei in eine Art Wahn hineingesteigert. Die Pistole für seine Tat hatte der Mann sich illegal beschafft. Diese Tatsache rief in den Medien sofort die Frage auf, weshalb es in Tschechien relativ problemlos sei, sich eine Waffe zu besorgen. Das Land wehrt sich seit Jahren gegen ein von der EU angestrebtes schärferes Waffenrecht.

Die Schüsse in der Notaufnahme hatten beim Klinikpersonal deutliche Nervosität ausgelöst. Der gesamte Trakt wurde von der Polizei evakuiert. Krankenhausmitarbeiter äußerten sich im Fernsehen stark verängstigt. Die Universitätsklinik war am Dienstag geschlossen und nahm keine neuen Patienten auf. Schulen und die nahe gelegene Universität wurden abgeriegelt. Über Stunden hinweg herrschte in der drittgrößten tschechischen Stadt gleichsam Ausnahmezustand.

(c) Die Presse

Die Tat hat das ganze Land erschüttert. Tschechien gilt allgemein als besonders sicher. Premier Babiš brach einen Besuch in Estland ab, kehrte nach Prag zurück und wollte noch im Tagesverlauf nach Ostrava reisen, um den Hinterbliebenen sein Mitgefühl auszudrücken. Er sprach von einer „großen Tragödie“. Tschechiens Präsident Miloš Zeman ließ erklären, ihm fehlten die Worte. Am Mittwoch soll der Opfer mit einem Gottesdienst in Ostrava gedacht werden. Womöglich soll an diesem Tag auch landesweit Staatstrauer herrschen.

 

Schüsse in Gasthaus

Im Jahr 2015 ereignete sich eine ähnliche Tat in der Kleinstadt Uherský Brod im Osten Tschechiens: Damals drang der Schütze zur Mittagszeit in eine Gaststätte ein und schoss mit zwei Waffen um sich. Acht Menschen starben. Als die Polizei eintraf, richtete sich der 62-Jährige selbst. Das Motiv für die Tat konnte nie geklärt werden. Die Polizei ging von einer aggressiven Kurzschlusshandlung aus.

HINTERGRUND

Ostrava in der Mährisch-Schlesischen Region ist mit knapp 300.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Tschechiens. Dort erschoss am Dienstagfrüh ein 42-jähriger Bauingenieur in der Notaufnahme der Universitätsklinik sechs Menschen aus nächster Nähe. Danach flüchtete der Mann in seinem Auto. Als die Polizei ihn nach dreistündiger Fahndung außerhalb der Stadt ausfindig machen konnte, tötete er sich in seinem Auto.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.12.2019)