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Die Ich-Pleite

Flugangst und Flugscham

(c) Carolina Frank

Kurt hatte früher schreckliche Flugangst, da musste er sich ständig schämen, dass er nicht geflogen ist. Jetzt muss er sich umgekehrt schämen.

Ich war es nicht selbst. Ein Freund hat es mir erzählt. Nennen wir ihn Kurt. Name von der Redaktion geändert. Kurt ist geflogen. Früher hatte er ja schreckliche Flugangst. Da musste er sich dauernd schämen, dass er nicht geflogen ist und all die tollen fernen Länder nicht gesehen und im Grunde sein Leben verpasst hat. Jetzt muss er sich umgekehrt schämen.

Eigentlich wollte er eh mit dem Zug nach Spanien fahren. Die 29 Stunden hätte er dem Klima zuliebe locker heruntergerissen. Auch das Doppelte bezahlt hätte er. Aber eine Fahrt über mehrere Länder mit mehreren Bahngesellschaften buchen muy dif cil! Also ist er halt geflogen. Weil Weihnachten kommt, enthält diese Kolumne aber eine wirklich positive Nachricht, die frohe Botschaft nach Kurt. Es gibt eine moralisch über allem stehende, selbstlose Gruppierung, die dem Flugverkehr ein Ende bereiten wird. Und das sind die Flug linien. Wenn man zum Beispiel extra bei der heimatlichen Teuerlinie bucht, damit man s komfortabel hat, dann hat man das Kleingedruckte nicht gelesen. Nur der Preis ist nobel, "operated" wird das Ganze per Billiglinie.

Online einchecken ginge vielleicht, wenn man gleich bei der Billiglinie gebucht hätte. Am Vorabend in Wien Mitte schon mal den Koffer abgeben, ebenfalls Fehlanzeige. Das ginge nur bei der Nobellinie, bei der man gebucht hat. Ich musste den Koffer wieder heimziehen mit meinem Gipsarm. Bzw. der Kurt musste. Mit seinem Gipsarm. Der Schalterbeamtin war s eh peinlich. Nächstes Mal fährt der Kurt wieder mit dem Katamaran mit Windantrieb. Und vorher besucht ihn ja noch das Christkind und bringt ihm die ganzen guten Sachen aus Übersee auf CO2-neutralen Schulterflügeln. Da kann er einmal ein reines Gewissen haben, der Kurt.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 12.12.2019)