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Randerscheinung

Unfaire Adventkalender

(c) Carolina Frank
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Offenbar lösen die 24 Kästchen auch heute noch die Befürchtung aus, es könnte nicht alles ganz fair zugehen.

Das mit dem Adventkalender war eigentlich immer schon eine heikle Sache. Solange die großen Buben noch klein waren, mussten wir penibel darauf achten, dass in den selbst gebastelten Kalendern ja gleichwertige Dinge enthalten waren. Was bei vier Jahren Altersunterschied nicht so einfach ist, weil es nicht immer die gleichen Überraschungen sein konnten. Und offenbar lösen die 24 Kästchen auch heute noch die Befürchtung aus, es könnte nicht alles ganz fair zugehen.

Als wir neulich im Wohnzimmer sitzen und die Sackerln für den Kalender des Jüngsten befüllen, der gerade nicht zu Hause ist, beäugt der Mittlere jede der kleinen Überraschungen ganz genau und meint dann, als seine Mutter in einen der Beutel gerade ein buntes Kinderschaumbad für eine heiße Badewanne verschwinden lässt: "Moah, so was Tolles haben wir damals nie bekommen, nur Schokolade, und überhaupt, warum bekommt er so einen selbst gebastelten Kalender und wir heuer nur einen gekauften?" Wir lachen und erzählen ihm dann, was er so alles bekommen hat und dass man, wenn man auszieht, eben auf manche Zu-Hause-Besonderheiten verzichten muss.

Als der Jüngste dann am nächsten Tag das erste Türchen, das ein Beutel ist, öffnet, freut er sich zuerst, wird dann aber nachdenklich: "Eigentlich soll der Adventkalender ja das Warten auf Weihnachten kürzer machen, mir kommt es aber viel länger vor, weil mich der Kalender jeden Tag daran erinnert, dass erst wieder nur ein Tag vergangen ist." Tja, und der Hund hat natürlich auch einen Adventkalender bekommen. Allerdings auch nur einen gekauften. Gar nicht fair. Deshalb hat er wahrscheinlich auch gleich zwei Mal hintereinander den Kalender des Jüngsten geplündert. Immerhin hat er das Schaumbad nicht aufgefressen.

("Die Presse - Schaufenster", Print-Ausgabe, 12.12.2019)