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Brexit

Ökonomen geben nach UK-Wahl keine Entwarnung

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Wahlsieger Boris JohnsonAPA/AFP/BEN STANSALL

Es werde beim EU-Ausstieg wohl wieder zu Fristverlängerungen kommen und zu Hängepartien, sagt IfW-Chef Felbermayr voraus.

Top-Ökonomen in Deutschland warnen ungeachtet des klaren Wahlausgangs in Großbritannien vor weiterer Unsicherheit durch den Brexit-Prozess. "Es ist zu erwarten, dass es jetzt schnell zu einer Einigung über den Brexit kommt", sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest am Freitag zum Wahlsieg des britischen Premierministers Boris Johnson.

Ökonomisch folge daraus zwar, dass ein harter EU-Ausstieg mit unkalkulierbaren Kosten zunächst abgewendet sei. "Für Entwarnung ist es trotzdem zu früh", betonte der Ökonom, der lange in Großbritannien gelehrt hat. "Es wird schwer, innerhalb der Übergangsfrist bis Ende 2020 ein Freihandelsabkommen zu vereinbaren." Er verwies auf eine Studie des Forschungsnetzwerks EconPol Europe, wonach die Unsicherheit um den Brexit das Vereinigte Königreich jährlich fast 20 Milliarden Euro koste. "In Schottland bahnt sich ein zweites Referendum über die Unabhängigkeit an, das ebenfalls für Unsicherheit sorgen wird", betonte Fuest.

Investitionszurückhaltung erwartet

Ähnlich äußerte sich der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr. "Ein Exit vom Brexit ist nicht mehr möglich", sagte der aus Österreich stammende Ökonom. "Ob es zu einem weichen oder harten oder smarten Deal mit der EU kommt, ist aber weiter maximal unsicher." Das Austrittsabkommen regle den Abschied, nicht aber die künftigen Beziehungen der EU mit dem Königreich. Bis Ende 2020 solle ein umfassendes Abkommen verhandelt werden. "Dieses müsste sehr viel weiter gehen, als die ambitioniertesten Freihandelsabkommen, die die EU je verhandelt hat", sagte Felbermayr. So hätten sich etwa die Gespräche mit Kanada über Jahre hingezogen, dennoch sei das Abkommen immer noch nicht vollständig in Kraft. "Es wird wohl wieder zu Fristverlängerungen kommen und zu Hängepartien", sagt Felbermayr voraus.

Mit der anhaltenden Unsicherheit sei auch damit zu rechnen, dass die Investitionszurückhaltung britischer Unternehmen anhalte, sagte der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Sebastian Dullien. Gleiches gelte für deutsche Unternehmen, die im Geschäft mit Großbritannien tätig sind. "Der Brexit wird damit auch in den kommenden Monaten das Wirtschaftswachstum sowohl in Großbritannien als auch – wenn auch in deutlich geringerem Maße – in Deutschland belasten", sagte der Experte.

Einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) zufolge will jedes fünfte deutsche Unternehmen im Vereinigten Königreich Stellen abbauen. Deutsche Firmen zählen in Großbritannien 2.500 Niederlassungen und beschäftigen mehr als 400.000 Mitarbeiter.

OeNB-Holzmann sieht mehr Sicherheit

Für den Governeur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB). Robert Holzmann hingegen habe der Sieg von Johnson Sicherheit gebracht. Auch wenn das politische eventuell für einige Seiten bedauerlich sei, ziehe die Wirtschaft Sicherheit in jedem Fall vor. Mit der absoluten Mandatsmehrheit wäre es für Johnson außerdem leichter, über den Brexit-Deal zu verhandeln, so Holzmann weiter. Das könnte für raschere Fortschritte beim Austritt der Briten aus der EU sorgen.

Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum werde der Brexit wohl vor allem in Großbritannien selbst haben. Zu dem Thema gebe es zahlreiche ökonomische Studien, sagte die Direktorin der Abteilung Volkswirtschaft, Doris Ritzberger-Grünwald, am Freitag im Rahmen der Präsentation der gesamtwirtschaftlichen Prognose der OeNB für Österreich. "Ganz grob kann man sagen, die größten Nachteile gibt es für 'UK'", so Ritzberger-Grünwald.

 

(APA/Reuters)