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Sozialprojekt

Das Gasthaus auf Wiens Straßen

Was wird gekocht, wie viel Salz kommt in die Suppe? Thomas und Pauline behalten in der Canisibus-Küche den Überblick.
Was wird gekocht, wie viel Salz kommt in die Suppe? Thomas und Pauline behalten in der Canisibus-Küche den Überblick.(c) Die Presse (Clemens Fabry)
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Seit fast 30 Jahren versorgt der Canisibus obdachlose Menschen mit warmen Mahlzeiten. Die Arbeit in der Suppenküche ist wenig glamourös, wird aber trotzdem gern gemacht.

Wien. Der Kessel, in dem die Suppe gekocht wird, reicht Pauline bis zu den Schultern. „Eineinhalb Becher Salz gehören da schon hinein“, sagt die 19-Jährige. Dabei wird er heute gerade einmal zur Hälfte gefüllt. „Was, so viel?“ ist Thomas, der neben Pauline gerade Brokkoli klein schneidet, fast entsetzt. Bei ihm ist es höchstens ein dreiviertel Becher. Pauline zuckt die Schultern. Versalzen, meint sie, könne man diese Suppe doch gar nicht. Viele der Gäste würden ohnehin zu Salz und Pfeffer greifen, bevor sie noch gekostet hätten.

Die Obdachlosen auf den Straßen Wiens sind die Gäste von Pauline und Thomas. Das Duo arbeitet beim Canisibus und damit für eines der ältesten Projekte der Caritas. Jeden Tag seit 29 Jahren wird im Keller der Caritas-Zentrale Suppe gekocht, die anschließend in ganz Wien verteilt wird – auch am Wochenende, zu Weihnachten oder zu Silvester.

„Suppe, Brot und Gastfreundschaft“, das sei das Canisibus-Motto, sagt Projektleiterin Julia Wiesflecker. Sie sagt bewusst „Gäste“ und nicht „Klienten“, wie das sonst in der Sozialarbeit üblich ist. Denn viel zu oft würden die Menschen in die Rolle der Bittsteller gedrängt. Beim Canisibus werde man behandelt wie in einem Gasthaus. Die Würde zu behalten, an einer Art des gesellschaftlichen Lebens teilzuhaben, „das ist für viele genauso wichtig wie die warme Mahlzeit“. Deswegen dürfen sich die Menschen auch beschweren, wenn die Suppe einmal nicht so schmeckt.

Was aber ohnehin nicht sehr oft vorkommt. Denn die Rezepte seien in den 29 Jahren schon ziemlich perfektioniert worden, erzählt Wiesflecker. Es gibt fast keines, wo sich nicht ein Zivildiener mit einem speziellen Tipp verewigt hätte. So auch Thomas, wobei er schon lang nicht mehr nach Rezept kocht. „Ich mach das nach Gefühl.“ Die Suppe sei trotzdem stets besser als das, was er zu Hause koche. Die 300-Liter-Menge, sagt er, liege ihm. Ohne die Zivildiener würde es das Projekt nicht geben, sagt Wiesflecker. Obwohl ein Großteil der Arbeit durch etwa hundert Freiwillige geschultert wird, die jeweils einmal in der Woche ein paar Stunden im Einsatz sind, den Überblick würden die zwei „Zivis“ behalten, die das Team der zwei Caritas-Mitarbeiter verstärken.

Seit zwei Monaten gibt es auch Pauline, die ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Canisibus absolviert. Die Arbeit ist alles andere als glamourös: Suppenkanister putzen, Boden wischen, das Gemüse, das von Supermarktketten gespendet wird, sichten und überlegen, welche Suppe sich damit ausgeht.

Dennoch war für Pauline nach ihrem Probetag klar: „Hier bleibe ich“, erzählt die 19-Jährige, während sie die gut 15 Kilo Zwiebel schält. Immerhin gibt es eine Maschine, die für sie das Hacken übernimmt.

 

Nur die Hälfte obdachlos

Pauline erinnert sich gut an ihre erste Ausfahrt mit dem Bus: „Ich war überrascht, dass es so viele sind. Trotzdem war es so friedlich.“ Im Schnitt wurden vergangenes Jahr 235 Menschen pro Tag verköstigt. Nur etwa die Hälfte von ihnen leben tatsächlich auf der Straße.

Ein weiteres Viertel ist wohnungslos, sie schlafen in Notquartieren oder kommen bei Bekannten unter. Der Rest hat zwar eine Wohnung, aber zu wenig Geld für genug zu essen. „Manche Schicksale sind hart“, sagt Pauline. Besonders im Gedächtnis blieb ihr ein Mann, dem seine Nase geradezu abgefallen war. „Er hat sich die Suppe geholt und ist sofort wieder im Dunkeln verschwunden“.

So leicht sei es nicht, nach einer Canisibus-Fahrt einfach schlafen zu gehen, das würden auch alle Freiwilligen sagen. Trotzdem fühlt sich Pauline nie schlecht. Denn sie weiß: „Das, was ich hier mache, ist etwas Gutes.“

ESSEN

Beim Canisibus gibt es zu Weihnachten Gulaschsuppe. Dazu werden am Vortag 28 Kilo geschnittenes Rindfleisch angeröstet und eingekühlt, Paprikapulver kommt dazu. Am 24. Dezember werden 28 Kilo Zwiebel angeröstet und mit Tomatenmark und 15 Kilo Bohnen wird das Fleisch noch einmal vier Stunden mit noch mehr Paprikapulver gekocht. Tipp: Man kann Essiggurken und einige Dörrzwetschken pürieren und beigeben.

Der Canisibus wird zur Gänze durch Spenden finanziert. Spendenkonto: IBAN: AT16 3100 0004 0405 0050, Kennwort: Canisibus.

Mehr Info: www.caritas-wien.at/canisibus

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.12.2019)