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Am Herd

Besinnlicher Advent?

Die Zeit, in der eine Schularbeit den nächsten Test und der wieder das nächste Referat jagt.
Die Zeit, in der eine Schularbeit den nächsten Test und der wieder das nächste Referat jagt.(c) imago images / Panthermedia

Die Zeit, in der eine Schularbeit den nächsten Test und der wieder das nächste Referat jagt. Als wäre es nicht schlimm genug, dass es um 16 Uhr dunkel wird.

Marlene kommt nach Hause und ist müde. Mathe war okay, sagt sie noch, dabei habe ich gar nicht gefragt, dann vertrollt sie sich mit Vinegar-Chips und einem Liter Milch in ihr Zimmer. Kopfhörer auf, Spotify an, als ich sie eine Stunde später zum Essen holen will, schläft sie tief und fest. Ich werde sie nicht wecken. Ich werde das Licht abdrehen, das halbleere Milchpackerl wieder in den Kühlschrank räumen, eine Portion von den Serviettenknödeln mit Champignonsauce beiseitestellen und mit Argusaugen darüber wachen, obwohl Marlene vermutlich heute eh nichts mehr essen wird, weil sie nämlich durchratzt bis morgen, wenn der Wecker läutet.

Schließlich hat sie die ganze Nacht vor der Matheschularbeit durchgelernt.

Das ist der normale Rhythmus der Kinder vor Weihnachten. Lernen bis zum Umfallen, dann umfallen, dann wieder lernen. Mathe, Geschichte, Chemie, Französisch, Schularbeiten, Tests, Referate, Stundenwiederholungen, die stillste Zeit im Jahr ist für die Kinder die stressigste, als sei es nicht schlimm genug, dass es um 16 Uhr dunkel wird, auf dem Schulweg vor lauter Kälte das Handy abstürzt und sich Tanten und Onkel Weihnachtsgeschenke erwarten, am liebsten selbst gebastelte.


Paukerei. Jetzt könnte ich Marlene natürlich erklären, dass ein Teil dieses Stresses selbst gemacht ist: Vom lernpsychologischen Standpunkt ergibt die nächtliche Paukerei keinen Sinn, nicht nur der Körper benötigt Schlaf, auch der Geist, und das Gelernte braucht Zeit, sich zu setzen. Dass sie ein Referat halten muss, weiß sie seit September, der Geschichtetest wäre kein Problem, hätte sie kontinuierlich mitgelernt. Und punkto Französisch: Ich habe ihr einen Zettelkasten gekauft, das ist die effizienteste Art und Weise, Vokabeln zu lernen, nur zehn Minuten am Tag, dafür aber konsequent, und sie muss sich nie wieder vor einer Schularbeit fürchten. Aber nutzt sie ihn? Nein.

Das alles könnte ich sagen, tue es aber nicht, weil es erstens keinen Sinn hat und ich zweitens von einer 16-Jährigen nicht verlangen kann, was ich zum Teil selbst nicht schaffe – oder habe ich etwa schon alle Geschenke besorgt? Oder den Weihnachtsbaum? Eben. Also drücke ich ein Auge zu, wenn Marlene ihre schmutzigen Leiberln neben der Badewanne liegen lässt, hebe ihre Schultasche auf, damit niemand drüberfällt, kaufe noch eine Packung Vinegar-Chips und freue mich auf den Heiligen Abend. Wir werden singen, wir werden essen, wir werden noch mehr singen, und am nächsten Tag werden mich ausgeschlafene Kinder fragen, ob ich vielleicht Waffeln will, sie machen gerade Frühstück.

Das ist dann der Weihnachtsfriede.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com 

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2019)