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Heer: "UNO braucht mehr Soldaten aus Europa"

(c) ORF (Harald Minich)
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Alain Le Roy, Chef aller UN-Einsätze, im Gespräch mit der "Presse" über immer schwierigere Friedensmissionen und seine Erwartung an Österreich.

Die Presse: Es sieht nicht so aus, als würde sich Österreich mit einem Kontingent an der UN-Mission im Libanon beteiligen. Was erwarten Sie von Österreich?

Alain Le Roy: Wir sind sehr dankbar für Österreichs jahrelange rege Beteiligung an UN-Missionen. Österreicher waren für die UNO soeben im Tschad. Und ein großes österreichisches Kontinent überwacht auf den Golan-Höhen den Frieden zwischen Israel und Syrien. Der österreichische Generalmajor Wolfgang Jilke hat als UN-Oberkommandierender auf dem Golan einen hervorragenden Job gemacht. Wenn Österreich seine Beteiligung an welcher Mission auch immer verstärken will, würden wir das natürlich begrüßen.

 

Etwa im Libanon?

Le Roy: Wir würden das willkommen heißen. Aber das ist eine souveräne Entscheidung der österreichischen Regierung.

UN-Soldaten sind zunehmend in Bürgerkriegssituationen im Einsatz. Werden die Missionen schwieriger?

Le Roy: UN-Friedenseinsätze haben ursprünglich so ausgesehen: Blauhelme stellen sich zwischen Armeen, um den Waffenstillstand zwischen den einstigen Streitparteien zu überwachen. Das gibt es noch immer: etwa auf Zypern. Aber heute müssen wir immer mehr in interstaatliche Konflikte eingreifen. Vor zehn Jahren hatten wir weltweit 20.000 UN-Soldaten im Einsatz, heute sind es 124.000. Und die Erwartungen an UN-Operationen werden immer größer. Wenn man das Mandat hat, Zivilisten zu beschützen, ist das sehr wichtig, aber auch sehr schwierig umzusetzen. Keine Armee der Welt ist darauf trainiert, Zivilisten zu beschützen. Im Osten des Kongo etwa haben wir 20.000 UN-Soldaten im Einsatz. Doch allein in den Kivu-Provinzen müssen wir zehn Millionen Menschen beschützen – eine unmöglich zu lösende Aufgabe. Aber wir tun, was wir können. Jeden Tag beschützen wir Hunderttausende Zivilisten.

Ich war vor einem Jahr im Nordostkongo, wo die Rebellen der „Lord's Resistance Army“ LRA Dorfbewohner massakrieren. Die Menschen dort fühlten sich nicht beschützt.

Le Roy: Wir versuchen beim Schutz der Zivilisten immer, noch mehr zu tun. Aber natürlich ist es nie genug. Zusammen mit kongolesischen und ugandischen Truppen haben wir den Großteil der LRA-Miliz zerschlagen. Aber jetzt ist sie in kleineren Gruppen von fünf bis zehn Kämpfern unterwegs. Das reicht, um Terror zu verbreiten, denn sie sind sehr grausam. Alle LRA-Kämpfer zu erwischen, ist in einem so unübersichtlichen Terrain eine große Herausforderung. Wir versuchen, mehr Hubschrauber zu bekommen, um die LRA gezielter angreifen zu können.

Kongos Regierung möchte, dass die UN-Truppe ihre Mission bald beendet. Wie ist der Stand der Dinge?

Le Roy: Möglicherweise werden wir alle UN-Soldaten aus dem Westkongo, der jetzt friedlich ist, abziehen. Im Osten brauchen wir eine gemeinsame Entscheidung mit Kongos Regierung, um festzustellen, wann wir abziehen können. Dort gibt es noch immer Kämpfe mit Aufständischen wie der LRA und der FDLR und Militäroperationen, bei denen wir Kongos Truppen unterstützen. Aber wir werden nicht für immer dort sein.

Wenn man sich die Struktur der Kongo-Truppe und anderer UN-Missionen in Afrika ansieht, zeigt sich, dass 90 Prozent der Soldaten aus Asien oder Nordafrika stammen. Hätten Sie gerne mehr westliche Soldaten in diesen Missionen?

Le Roy: Wir haben viele Soldaten aus der EU bei der UN-Truppe im Libanon. Aber es stimmt: Der Großteil der UN-Soldaten ist in Afrika stationiert. Aber in Afrika stammen weniger als drei Prozent unserer Soldaten aus europäischen Ländern. Das ist nicht genug und kein gutes Zeichen für ein starkes politisches Engagement der EU in Afrika. Wir brauchen dort mehr europäische Soldaten.

 

Hat die UNO bei ihren Einsätzen bereits die Grenze ihrer Möglichkeiten erreicht?

Le Roy: Meiner Meinung nach haben wir den Plafond erreicht. Einige Missionen werden aber zurückgefahren, wie etwa in Liberia. Und ich sehe keine neue UN-Mission in den kommenden Monaten.

Auch nicht in Somalia?

Le Roy: Der Sicherheitsrat hat uns beauftragt, Pläne für einen Somalia-Einsatz vorzubereiten. Aber wir denken, dass UN-Friedenssicherung nicht das richtige Instrument wäre. Es gibt in Somalia keinen Frieden, den man sichern könnte. Auch die Truppe der Afrikanischen Union hat es dort sehr schwer. Sie hatte große Verluste. Nach Somalia sollte eine multinationale Truppe – eine Koalition der Willigen – entsendet werden, mit sehr guter Ausrüstung und einem UN-Mandat, ähnlich wie in Afghanistan.

Mit europäischer Beteiligung?

Le Roy: Natürlich.

AUF EINEN BLICK

Alain Le Roy ist stellvertretender UN-Generalsekretär und Chef aller UN-Friedenseinsätze. Er war neulich auf Einladung von Landes-verteidigungsakademie, Diploma-tischer Akademie und IPI in Wien. [Hans Hofer/BMLV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)