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Kolporteure: Prekärer Job, den kein anderer macht

(c) Michaela Bruckberger
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Fast ausschließlich Asylwerber oder Migranten arbeiten als Zeitungsverkäufer und -austräger. Viel Geld verdienen sie nicht, und auch rechtlich gibt es einige offene Fragen.

"40 Jahre stehe ich schon da“, sagt Ali. Und noch weitere vier Jahre muss der Zeitungsverkäufer Tag für Tag in der U-Bahn-Station Wien-Kagran stehen– „bis zu meiner Pension“. Ali ist in den 60er-Jahren mit einem Visum aus Ägypten nach Österreich gekommen. Der Kolporteursjob war der einzige, den er problemlos bekommen hat. „Man hat keine Arbeitsbewilligung gebraucht, nur einen Meldezettel und einen Reisepass“, erzählt er.

Für den studierten Chemieingenieur war das kein Traumjob, aber eine andere Wahl hatte er nicht. Dabei ist der Job – dem Ruf nach – sehr schlecht bezahlt. „Er war schon mal besser bezahlt“, erzählt Ali. In Zeiten, wo es keine Gratiszeitungen und kein Internet gab, haben die Leute mehr gelesen. Und er hat wesentlich mehr verdient.

Seine Kinder bekommen eine gute Ausbildung, er muss aber einstecken, dass man ihn einen Menschen dritter Klasse nennt. Dabei sind Zeitungskolporteure in Wien nicht wegzudenken. „Es sind so um die 600 Leute, die Zeitungen verkaufen oder in der Nacht zustellen“, erzählt Ali. Dabei ist die Arbeitssituation der Nachtzusteller wesentlich schlechter als die der Kolporteure, die Zeitungen tagsüber verkaufen.

Hassan Ahab ist Nachtzusteller. Er verdient rund 350 Euro im Monat, arbeitet jeden Tag, bei Schnee, Sturm und Regen, von zwei Uhr in der früh bis sechs Uhr morgens. Und er hat keinen Anspruch auf Urlaub. Die Krankenversicherung trägt er selbst. „Am schlimmsten sind Häuser ohne Lift“, sagt Ahab, „wenn man nachts in den fünften Stock muss und schon müde ist.“

Trotzdem machen fast ausschließlich Migranten oder Asylwerber diesen Job. Warum? Weil ihn sonst niemand machen will. Auf der anderen Seite kann ein Asylwerber keine andere Arbeit so einfach und „legal“ bekommen. Wobei „legal“ problematisch sein kann. Vergangenen Sommer forderte der Verband Österreichischer Zeitungen (VÖZ) die Arbeitserlaubnis für Zeitungskolporteure.

„Kolporteure arbeiten häufig auf Werkvertragsbasis“, sagt Paul Pichler, Leiter der Stabsstelle Recht im VÖZ, „dennoch wird ihre Tätigkeit von Behörden vereinzelt als ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis eingestuft.“ Auch der Verwaltungsgerichtshof hat im Laufe der vergangenen Jahre vereinzelt solche Werkverträge überprüft und in einigen Fällen die Behördenansicht bestätigt, dass es sich um ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis handelt. Das Problem dabei: Liegt ein arbeitnehmerähnliches Verhältnis vor, so kann ein Kolporteur seinen Job nicht ausüben, wenn er keine Arbeitsbewilligung hat.

 

Man muss freundlich bleiben

Damit gehen wiederum die Kolportagefirmen oder Verlage, die sie beschäftigen, das Risiko ein, gegen das Ausländerbeschäftigungsgesetz zu verstoßen. In der Sache ist gegenwärtig keine Bewegung zu verspüren. „Es wird sich an der Sache jetzt nicht viel ändern, aber langfristig müsste etwas passieren“, so Pichler. Ali hat das Problem nicht, denn er hat bereits einen österreichischen Pass. Er ist aber die Ausnahme.

„Grüß Gott und auf Wiedersehen“, muss man sagen, „und am besten noch einen schönen Tag wünschen“, erzählt er. Der Kunde ist sein Verdienst, also muss er freundlich bleiben, egal wie der Kunde zu ihm ist. „Ich bin freundlich“, sagt Ali, „aber wenn man mich beschimpft, kann ich mich wehren.“ Auch rassistische Angriffe musste er schon erleben, aber es gibt auch freundliche Kunden, die ihn schon sehr lange kennen.

Dass er viele Stammkunden hat, merkt Ali im Urlaub. „Meine Vertretung macht vielleicht nur 50 Prozent des Umsatzes, den ich normalerweise mache“, sagt er stolz. „Viele Kunden wollen tratschen, erzählen und nicht nur die Zeitung kaufen.“ Viele kaufen dennoch die Zeitung im Vorbeigehen. So wie die Kundin gerade: Ali holt eine Zeitung heraus, sie drückt ihm viel Kleingeld in die Hand. Bevor Ali das Geld zusammen gezählt hat, ist sie schon längst weg. Meist stimmt das Geld, meint er.

Auf den Kunden ist Verlass. Und auch auf Polizisten. Wenn man etwa das stille Örtchen besuchen muss, sind sie diejenigen, die auf seinen Stand aufpassen. Fehlt nämlich eine Zeitung, so muss der Kolporteur sie aus eigener Tasche bezahlen. Ahab hat ausgerechnet, dass er durchschnittlich zwischen 2,50 und drei Euro pro Stunde verdient. „Letzte Woche war keine gute Woche“, meint er. Deshalb geht er nachts noch zusätzlich Zeitungen zustellen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)