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Digitalisierung: Nationalbibliothek goes Google

(c) Michaela Bruckberger
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400.000 Bände werden vom US-Konzern gescannt. Im Internet ist dieser wichtige historische Bestand der ÖNB dann kostenlos weltweit abrufbar.

Wien. 400.000 Bände, gratis online weltweit verfügbar – dieses Riesenprojekt wird die Österreichische Nationalbibliothek (ÖNB) in den nächsten sechs Jahren mit einem mächtigen internationalen Partner verwirklichen. Generaldirektorin Johanna Rachinger stellte am Dienstag im Prunksaal der ÖNB ihre Partnerschaft mit Google vor. Der amerikanische Technologiekonzern wird ab 2011 den urheberrechtsfreien Bestand der Bibliothek digitalisieren – 120 Millionen Seiten der verfügbaren Werke der ÖNB vom 16. bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Google trägt die Kosten von 30 Millionen Euro. „Das ist die bisher größte Public Private Partnership in Österreich“, sagte Rachinger, „ein Meilenstein“ in der Geschichte des Hauses.

Im deutschsprachigen Raum war bisher nur die Bayerische Staatsbibliothek ein vergleichbarer Partner von Google Bücher, das derzeit mit mehr als vierzig renommierten Institutionen wie den Universitäten Oxford, Harvard und Stanford sowie mit den Nationalbibliotheken von Rom und Florenz zusammenarbeitet – zehn Millionen Werke werden dadurch zugänglich. Im Vergleich dazu ergeben heute Kooperationen mit Verlagen zwei Millionen Werke. „Wir befinden uns in bester Gesellschaft“, sagte die Generaldirektorin der Nationalbibliothek.

 

3,5 Millionen Bände

Elf Prozent des gesamten Buchbestandes der ÖNB (zirka 3,5 Millionen Bände) werden erfasst. Man nehme dabei keine Wertung, keine Auswahl vor, sagte ÖNB-Projektleiter Max Kaiser, rechne aber mit überraschenden Funden. Für die Forschung und die Lehre sei die Digitalisierung jedenfalls eine enorme Erleichterung. Für den Ausbau der Wissensgesellschaft gebe es dadurch ganz neue Möglichkeiten.

Die Digitalisierung wird in Bayern erfolgen, der Prozess ist schonender als die durchschnittliche Benutzung durch einen Leser. Wertvolle Originale würden also künftig besser konserviert. 50 bis 100 Euro kosten das Scannen und Verarbeiten pro Buch. Diese Kosten wären für die ÖNB lange Zeit nicht leistbar gewesen. Nun rechnet man damit, dass die Arbeit bis spätestens Ende 2016 beendet sein wird. Die ÖNB erhält die digitalen Kopien der Werke, man überlegt noch, ob man sie sukzessive oder in Paketen gestaffelt kostenlos online zur Verfügung stellt.

 

Weltwissen online

Die Benutzer könne die Files im Volltext herunterladen, in den Formaten PDF oder EPUB. „Die freie Zugänglichkeit ist ein demokratischer Vorgang“, sagte Karl Pall, Country Manager von Google Austria. Ziel von Google Bücher sei es, das gesamte Wissen aus den Büchern der Welt online zur Verfügung zu stellen. Derzeit denkt Google nicht daran, Werbung im Zusammenhang mit den Büchern anzuzeigen, allerdings hätte die ÖNB kein Einspruchsrecht gegen derartige Kommerzialisierung.

Annabella Weisl, Leiterin der Sektion von Google Bücher für Deutschland, Österreich und die Schweiz, setzt auf Umwegrentabilität: „Internetbenutzer, die unsere Dienste verwenden, werden hoffentlich bei ihrer nächsten Suche wieder zu uns kommen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)