Schnellauswahl
Gespräch im Turm

Treichl: „London wird zum Singapur vor der Haustür“

Andreas Treichl (li.) im Gespräch mit "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak.
Andreas Treichl (li.) im "Gespräch im Turm" mit "Presse"-Chefredakteur Rainer Nowak.(c) Daniel Novotny
  • Drucken
  • Kommentieren

Der scheidende Erste Bank-Chef Andreas Treichl glaubt, dass nach dem Brexit die „G'stopften alle nach London“ gelockt werden und eine türkis-grüne Regierung „auf jeden Fall einen Versuch wert“ ist.

Wien. Wie sich eine Abschiedstour anfühlt, will „Presse“-Chefredakteur Rainer Nowak vom scheidenden Erste Bank-Chef Andreas Treichl wissen. „Sonntag bei Stöckl, Montag bei Nowak.“ „Nach Nowak hör ich auf“, antwortet Treichl. Willkommen bei „Gespräch im Turm“, der Diskussionsveranstaltung des Wiener Städtischen Versicherungsvereins und der „Presse“. Im Ringturm ging es Montagaband also um Treichls Welt. Und die ist bekanntlich groß.

Erste Station: Osteuropa. Anfangs bejubelt für sein Engagement, dann geprügelt - nun wieder bejubelt. Treichl meint, er habe auch Glück gehabt, dass er nicht zehn Jahre älter ist und mitten in der Finanzkrise habe abtreten müssen. So konnte er die Osteuropa-Story zum Happy-end führen. Dass Osteuropäer in Brüssel und Frankfurt noch immer „ein bisschen als Wilde“ empfunden werden, ärgert ihn. „Das ist arrogant.“

Zweite Station: Die zwei Damen an der Spitze der EU-Kommission und der EZB hält er „für das Beste, was wir in den letzten 20 Jahren hatten.“ Ursula von der Leyen und Christine Lagarde könnten die „institutionelle Lethargie“ in Europa brechen.

Dritte Station: Brexit. „Wird London zum Singapur vor der Haustür?“, fragt Nowak. „Ich bin davon überzeugt“, meint Treichl. Brexiteer Nigel Farage sei ja in Wahrheit ein Wertpapierhändler, kein Politiker. Premier Boris Johnson werde Steuern senken, Steuerhinterziehung zulassen und „alles unternehmen, damit die G'stopften aus aller Welt nach London kommen“, meint Treichl.

Vierte Station: Finanzbildung. Derzeit wolle man Kinder lehren, wie man sich vor der Wirtschaft schütze, kritisiert er. Er wünsche sich Wirtschaftsunterricht ohne ideologische Schlagseite. „Zinseszins ist weder rechts noch links.“ Mit einer fundierten wirtschaftlichen Grundlage könne man Kindern „eine neue Welt eröffnen“.

Fünfte Station: Türkis-Grün? „Es ist auf jeden Fall einen Versuch wert“, sagt Treichl. Immerhin habe er ja ehemalige Grünpolitiker in seine Bank geholt. Ob ihn Sebastian Kurz gefragt habe, wie man mit Grünen umgeht? Kurz habe sich tatsächlich erkundigt, antwortet Treichl und fürchtet nun, dass seine ex-grünen Mitarbeiter vielleicht wieder rückfällig werden könnten. „Vielleicht werden sie mir wieder weggenommen.“ (gh)[Q217N]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2019)