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Güssinger-Pleite: Führt eine Spur zu Ibiza?

FEATURE - GUESSINGER INSOLVENZ
Güssinger Mineralswasser ist insolventAPA

Die Traditions-Firma hat den Lieferstopp des wichtigsten Kunden Hofer nicht überlebt. Im Hintergrund gab es einen undurchsichtigen Streit zwischen zwei Investorengruppen.

Güssing/Wien. Schon seit der Römerzeit wurde in dem Wasser, das aus der Quelle im burgenländischen Güssing kam, gebadet. Bis man im 19. Jahrhundert darauf kam, dass das heilsame Nass auch schmeckt: das Güssinger Mineralwasser war „erfunden“. Die Quelle sprudelt noch immer – aber die Firma, die das Wasser abfüllt und verkauft, ist pleite. Wieder, nach 2004. Am Donnerstag beantragte die „Güssinger Beverages & Mineralwater GmbH“ über die Kanzlei Kosch & Partner das Sanierungsverfahren ohne Eigenverwaltung. Gemessen an den von den Gläubigerschützern KSV, Creditreform und AKV genannten Daten ist die Insolvenz überschaubar. Güssinger zählt aber mit Vöslauer und Römerquelle zu den bekanntesten Mineralwasser-Marken im Land.

Betroffen sind 17 Dienstnehmer, nachdem deren Zahl zuletzt deutlich reduziert worden sein dürfte. Für sie ist die Pleite knapp vor Weihnachten hart: Seit Oktober haben sie keine Gehälter mehr bekommen, geschweige denn nun das Weihnachtsgeld.

Dazu kommen rund 100 Gläubiger, denen die Mindestquote von 20 Prozent geboten wird. Die Passiva belaufen sich laut Insolvenzantrag auf 2,08 Millionen Euro. Aktiva seien, so Creditreform-Geschäftsführer Gerhard Weinhofer, nicht vorhanden. Die Liegenschaft und die Markenrechte gehören der „E&A Beteiligungs GmbH“, die quasi die „Großmutter“ von Güssinger ist. Mutter ist die „Finstil Holding“. Haupteigentümer aller drei Gesellschaften ist laut Firmenbuch Andrei Kotchetkov , ein russischstämmiger Österreicher.

Was die Pleite interessant macht, sind die Hintergründe: Der Lebensmittel-Diskonter Hofer, der für 80 Prozent des Umsatzes verantwortlich war, hat Mitte Juli einen Lieferstopp über Güssinger verhängt. Hofer habe die Eigentumsverhältnisse in dem hinter Güssinger stehenden Firmengeflecht, die Beziehungen zu einem bulgarischen Gläubiger sowie die Geschäftsgebarung genauer unter die Lupe nehmen wollen, wurde kolportiert. Offenbar zu recht, denn die Buchhaltungsunterlagen seien „nicht vollständig“, heißt es jetzt im Insolvenzantrag. Und weiter: „Der Geschäftsführung stehen keine Daten zur Verfügung.“

Spur zu Ibiza?

In der Tat sorgt die jüngste Vergangenheit der Mineralwasser-Firma und ein Streit zwischen dem Eigentümer Andrei Kotchetkov und dem bulgarischen Geschäftspartner für einige Überraschungen - und Ungereimtheiten. Der ORF berichtet über einen indirekten Bezug zum Ibiza-Video. Als nämlich die vermeintliche Oligarchennichte eine mögliche Privatisierung des Wassers in Österreich ansprach, winkte Heinz-Christian Strache zwar ab. Dann wurde aber eine Struktur erwähnt, wie ein Privater (also die Oligarchin) doch profitieren könnte. Ermittler aus Justiz, Staatsanwaltschaft und der Soko-Ibiza mutmaßen, dass es da wohl um Güssinger ging.

Eine Spur führt über Johann Gudenus zu der Firma, berichtet der ORF weiter. Gudenus sei mit dem russisch-österreichischen Eigentümer Andrei Kotchetkov gut bekannt. In diesem Zusammenhang erinnert man sich an ein Treffen von Gudenus mit Kotchetkov in einem Hotel, das mit einer Ohrfeige für Gudenus von einem Vertreter des Russen geendet haben soll.

Die Gegenseite im Streit, der vorige bulgarische Geschäftspartner S. soll wiederum mit der ehemaligen FPÖ-EU-Abgeordneten Barbara Kappel bekannt sein. Vor der letzten EU-Wahl, so der ORF, soll er Kappel 55.000 Euro in bar übergeben haben, als Parteispende, wie sie selbst sagt.

Die Auseinandersetzung fußt darauf, dass der bulgarische Geschäftspartner von der Oberbank Altschulden von Güssinger in Höhe von zehn Millionen Euro übernommen haben soll. Beide Seiten warfen sich dann in Folge rechtliche Tricksereien vor. 

Vergangenheit bei der A-Tec

In der Liste der Güssinger-Geschäftsführer –  Anatolii Boikiv war erst seit Ende Juli dort tätig – findet sich noch ein interessanter Name, der in der jüngeren Wirtschaftsgeschichte für Schlagzeilen gesorgt hat. Es ist Thomas Schätti, laut Auskunft des KSV im Jahr 2018 Geschäftsführer von Güssinger. Gehen wir acht Jahre zurück und lassen die Groß-Insolvenz der A-Tec Revue passieren. Schätti hat in der A-Tec gearbeitet und war dann Partner von A-Tec-Eigentümer Mirko Kovats, als dieser versuchte, mit dem von ihm selbst initiierten Käuferkonsortium Contor Industries die A-Tec zu übernehmen und zu retten. Das misslang, wie hinlänglich bekannt ist.

Schätti ist nach wie vor, zumindest indirekt, mit Güssinger verbunden:  Er scheint im Firmenbuch als Kommanditist einer „BTOB Beverages GmbH&CoKG“ auf. Ebenfalls Kommanditist ist die „E&A Beteiligungs GmbH“,  die Großmutter von Güssinger.

Hohe Verlustvorträge

Wie es um Güssinger wirklich steht, ist derzeit nur zu vermuten. Dem KSV liegen auch nur wenige Geschäftszahlen aus dem Jahr 2017 vor. Demnach machte Güssinger damals 6,4 Millionen Euro Umsatz. „Es gab sicher Verluste“, betont KSV-Expertin Brigitte Dostal. Das bestätigt ein Blick in die im Firmenbuch hinterlegte Kurz-Bilanz, wonach 2017 Verlustvorträge von 17,4 Millionen Euro aufgelaufen waren.

Der Ausfall des Hauptkunden Hofer hat die schon bestehenden wirtschaftlichen Probleme massiv verschärft. Aber das ist nicht der einzige Grund für die Pleite. Der Maschinenpark ist total veraltet, es wurde nichts investiert. Weinhofer erinnert das an einen anderen prominenten Insolvenzfall: Niemetz. „Auch beim Schwedenbombenerzeuger wurde technologisch nicht aufgerüstet.“ Zuletzt haben dann die Hausbanken Kreditlinien fällig gestellt. Dadurch fehlt Güssinger Liquidität.

Eher ungewöhnlich ist laut Weinhofer auch die weitere Vorgangsweise: Das Unternehmen soll weitergeführt, aber dazu vorerst geschlossen werden. Mit dem Geld, das inzwischen – über einen erhofften Investor – fließen soll, möchte man die Anlagen erneuern. Dann soll der Betrieb wieder starten. Weinhofer: „So kann man ohne Schulden weitermachen.“ Das Traditionsunternehmen hat in seiner langen Geschichte häufig den Besitzer gewechselt. So wurde Güssinger Anfang der 70er Jahre von der Brauerei Schwechat übernommen und wechselte mit dieser dann in die Brau AG. Mit Gasteiner, das ebenfalls zum Konzern zählte, erhielt Güssinger einen internen Konkurrenten. In Folge fiel der Ausstoß drastisch. 2002 stieg das deutsch-italienische Vertriebsunternehmen Aqua Montana ein, das 2004 Konkurs anmelden musste. Neuer Besitzer wurde noch im selben Jahr der saudiarabische Mischkonzern Abdel Hadi Abdullah Al-Qahtani & Sons, der 2012 Güssinger an die E&A bzw. Finstil weiterreichte.

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