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Be-Sinn-liches

Die Macht der freien Entscheidung

Biochemiker Harald Pichler spricht im Interview über den Unterschied von Zweck und Sinn in Unternehmen.(c) Julia Pabst

Im Viktor Frankl Zentrum denkt Harald Pichler über die Suche nach dem Sinn in der Arbeit nach. Und sprach mit der „Presse“ über die Verantwortung des Einzelnen, ihn selbst zu finden.

Nach langer Managementkarriere in der Pharmaindustrie leitet der promovierte Biochemiker Harald Pichler (51) heute im Viktor Frankl Zentrum den Ausbildungsschwerpunkt „Wirtschaft.Arbeit.Sinn“.

„Die Presse“: Ist es die Aufgabe eines Unternehmens, seinen Mitarbeitern „Sinn“ zu bieten?

Harald Pichler: Oft heißt es „Wir sind dazu da, um Geld zu verdienen“. Das ist eine sinnwidrige Haltung. Der Sinn eines Unternehmens muss sein, ein Kundenbedürfnis zu erfüllen und damit Geld zu verdienen. Frankl sagte einmal, „Erfolg muss erfolgen“, ist also die Folge von etwas. Die Folge eines sinnvollen Geschäftsmodells etwa, wo der Kunde einen Mehrwert bekommt und ihm das Geld wert ist.

Dann hat ein Waffenhändler also einen sinnvollen Job?

Natürlich nicht. Wenn jemand durch meine Handlungen Schaden nimmt, ist das vielleicht zweck-, aber nicht sinnorientiert. Sinn liegt in der Mitte zwischen Altruismus und Egoismus.

Deckt sich Sinn mit „Mission“?

In der Managementsprache ist gerade die „Purpose Driven Organisation“ der große Renner. Wozu gibt es uns? Wenn dieser Zweck den Kunden beinhaltet, ist das nah an der Mission. Es kommt auch auf das Menschenbild an. Ist es seelenlos-mechanistisch – oder betrachte ich meine Mitarbeiter als Individuen? Und meine Lieferanten: Muss ich sie wirklich über den Tisch ziehen, um erfolgreich zu sein? Unternehmen, die Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten als Menschen sehen, sind vielleicht gerade deswegen erfolgreich.

Was ist in diesem Kontext die Rolle der Führungskräfte?

Es ist nicht Aufgabe der Führungskräfte, den Mitarbeitern Sinn zu geben. Führungskräfte übersetzen Zielvorgaben, sie schaffen Rahmenbedingungen, aber sie müssen nicht die Mitarbeiter happy machen. Früher habe ich meinen Mitarbeitern immer erklären wollen, warum sie etwas tun sollen. Einige haben mich gestoppt und gesagt, „spar‘ uns die Zeit und sag‘ einfach, was wir tun sollen.“ Ihr Sinn lag außerhalb der Arbeit. Anfangs hat mich das schockiert, später habe ich ihre Worte als Loyalitätsbeweis verstanden. Ihnen hat es genügt, dass ich als Führungskraft den Sinn erkannt habe. Im Vertrauen auf mich haben sie getan, was ich von ihnen verlangt habe.

Kann ich als Mitarbeiter auch Sinn in meiner Arbeit finden, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen?

Damit sind wir wieder bei Frankl. Es ist schön, in einem sinnorientierten Unternehmen zu arbeiten und eine sinnorientierte Führungskraft zu haben. Aber ich kann auch Sinn finden, wenn das Umfeld schwierig ist.

Wie?

Am naheliegendsten, wenn ich weiß, dass ich mit meiner Arbeit einen Beitrag für die Gemeinschaft leiste. Dann, indem ich mir vor Augen führe, was an meiner Arbeit positiv ist. Wir neigen dazu, uns über alles Mögliche aufzuregen, das Positive aber als selbstverständlich hinzunehmen. Ich muss mich nur fragen, was mir fehlen würde, wenn es nicht mehr da wäre. Wertschätzen, was gut ist.

Wie noch?

Ich kann die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen, sinnvoll gestalten – unabhängig vom Geschäftsmodell. Ich kenne Menschen, die überhaupt nur in die Arbeit gehen, weil sie dort nette Menschen treffen. Zugehörigkeit ist extrem sinnstiftend!
Und ich kenne Ältere, die als Sinn erkannt haben, ihr Wissen an Junge weiterzugeben. Nur so hinterlassen sie Spuren. Sonst bleiben nur ein paar Anekdoten von ihnen, wenn sie einmal in Pension gehen.
Letztendlich bleibt mir immer noch meine innere Einstellung zu unabänderlichen Bedingungen, als letzte persönliche Freiheit. Frankl hat betont, dass das Leben uns immer wieder Fragen stellt, die wir beantworten sollen. Auch wenn wir den Sinn manchmal erst rückblickend verstehen.

Zur Person

Harald Pichler (51) war nach dem Studium der Bio- und Lebensmittelchemie 15 Jahre Manager in Futtermittel- und Pharmaunternehmen. Seit 20 Jahren beschäftigt er sich mit der sinnzentrierten Lehre des Wiener Neurologen und Psychiaters Viktor Frankl und deren Anwendungen in Unternehmen, in der Führungsarbeit und im Arbeitsalltag.

(Print-Ausgabe vom 21. Dezember 2019)