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Premiere

Mehr Sherlock als Freud im „Wiener Blut“

Opfer auf der Wiener Chaiselongue. Inspektor Reinhardt (Jürgen Maurer) ermittelt.
Opfer auf der Wiener Chaiselongue. Inspektor Reinhardt (Jürgen Maurer) ermittelt.(c) ORF (Petro Domenigg)
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Die Briten waren neugierig auf die Krimireihe „Vienna Blood“, aber auch ein bisschen belustigt von den „Sherlock“-Parallelen. Nun ist der erste Teil mit Jürgen Maurer als Inspektor auch bei uns im Fernsehen zu sehen.

„Willkommen in Wien, willkommen in meiner Welt“, sagt der junge jüdische Arzt Max Liebermann (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Maler, der zu dieser Zeit lebte; gespielt von Matthew Beard) und stellt danach fest, was die Stadt zu Beginn des 20. Jahrhunderts für ihn ausmacht: „In Wien erkennt man den Wert eines Menschen an seinem Titel. Die Wiener sind besessen davon. In London war ich einfach Max. In Wien bin ich Dr. Max Liebermann, Neurologe und Ausländer. Das lassen sie einen niemals vergessen.“

Natürlich bestätigt der mürrische Inspektor Oskar Reinhardt, gespielt von Jürgen Maurer, kurz darauf diese Wien-Klischees. Sein Vorgesetzter hat ihm aufgetragen, den jungen Arzt Liebermann bei seinen Ermittlungen zum mysteriösen Tod einer jungen Frau in der Leopoldstadt mitzunehmen. Denn dieser interessiert sich für die Psychoanalyse, besucht Vorlesungen von Sigmund Freud und will besser verstehen, was im Gehirn von Verbrechern vorgeht. Prompt will der Inspektor auf der ersten gemeinsamen Kutschenfahrt von dem jungen Mann zuerst einmal wissen, welcher Doktor er ist, und als dieser davon erzählt, dass er aus London ist, kommentiert er das pikiert: „Aha. Ein Ausländer.“ (In der  literarischen Vorlage des britischen Autors und klinischen Psychologen Frank Tallis kommt das Wort „Ausländer“ übrigens nicht vor, dort heißt es „Englishman“. Aber gut, es ist eben eine Wiener Adaption.)

Séancen in Wiener Wohnzimmern

Doch die Ressentiments schwinden schnell, als dem Polizisten mit Vorliebe für das Kauen von Kaffeebohnen bewusst wird, dass ihm die psychologischen Beobachtungen des jungen Arztes bei der Lösung seines Falls nützlich sein können. Er lädt ihn also ein: „Schauen Sie sich die Tote an und sagen Sie mir, was Sie sehen, Dr. Liebermann.“ Die Verstorbene, die da auf einer Chaiselongue liegt, wählte nicht den Freitod, wie zuerst vermutet, sondern war ein Medium, wie sich bald herausstellt. Das Ermittlerduo stößt auf eine kleine Gruppe von Menschen rund um eine einflussreiche Gräfin, die in einer Wiener Wohnung gegen gutes Geld regelmäßig Séancen abhält und verschiedensten Kunden verspricht, mit ihren verstorbenen Verwandten in Verbindung zu treten.

Zu einer der gelungeneren Szenen gehört der Auftritt von Maria Bill, die als Sängerin und Geisterbeschwörerin Isolde Sedlmaier schlüpfrige Lieder singt mit Zeilen wie: „Denn die Männer wollen nur das eine, zeig die Haxn und du hast schon an der Leine“ – und deren Auftritt mit einem Liederabend von Mahler gegengeschnitten wird, um einen kleinen künstlerischen Abriss dieser Zeit zu geben. Überhaupt ist das Ensemble opulent und prominent besetzt, mit kleinen Auftritten von Erni Mangold, Ursula Strauss, Johannes Krisch und Andreas Lust, Michael Niavarani oder Petra Morzé als Gräfin, die die Séancen-Mode aus Paris nach Wien gebracht hat.

 

1,8 Millionen Zuseher in England

Und auch wenn diese Krimi-Reihe gespickt ist mit Wiener Lokal- und Kunstkolorit, von Klimts Beethovenfries bis Gustav Mahler, von Riesenrad bis zu sehr vielen Kutschenfahrten auf Kopfsteinpflaster und sogar einer Verfolgungsjagd-Szene am Wien-Fluss, die an den „dritten Mann“ erinnert, bleibt der Kriminalfall im Vordergrund, werden Freuds Thesen nur an der Oberfläche berührt. Den Briten hat die britisch-deutsch-österreichische Produktion, die schon im November auf BBC Two zu sehen war, durchaus gefallen. 1,8 Millionen Menschen (ein Marktanteil von neun Prozent) sahen Teil eins. Allerdings konnten sich manche in dem Land, das im vergangenen Jahrzehnt seinen Krimi-Klassiker „Sherlock“ für das Fernsehen in die Gegenwart setzte und mit Benedict Cumberbatch besetzte, das Lächeln nicht verkneifen. Der „Guardian“ sah in „Vienna Blood“ gar so etwas wie eine Parodie auf Sherlock („So much like Sherlock it seems like a spoof“), wohl auch, weil das Drehbuch von „Sherlock“-Screenwriter Steve Thompson kommt.

Der Vergleich hinkt, zumindest in Teil eins. Dazu sind Inspektor und Arzt einander zu fremd, hat Liebermann zu wenig übersinnliche Fähigkeiten, kommt der Fall viel weniger leichtfüßig daher. Die beiden wirken noch zu wenig wie ein seltsames Paar. Nur die verspielte Musik und die Kameraführung vor allem in der ersten Hälfte des Films erinnern an die britische Detektivserie. Erst beim Showdown in der letzten Szene lässt sich erahnen, dass aus dem ungleichen Ermittlerpaar noch ein gutes Team werden kann.

Der Dreiteiler, verfilmt von Robert Dornhelm (Teil 1) und Umut Dag (Teil 2 und 3, die der ORF im Frühjahr 2020 zeigen will), basiert auf den Liebermann-Krimis des Londoner Autors und klinischen Psychologen Frank Tallis. Gedreht wurde in Wien, bisweilen an interessanten Schauplätzen. Bei der Verfolgungsjagd auf den Dächern von Wien vermeint man einen Seitentrakt der Hofburg zu erkennen.

„Vienna Blood – Die letzte Séance“: Mit u. a. Jürgen Maurer, Matthew Beard, Erni Mangold, Ursula Strauss. 20.15 Uhr, ORF 2, im Zweikanalton. Danach: „Seitenblicke Spezial“ hinter den Kulissen der aufwendigen Produktion.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2019)