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Rück- und Ausblick

Die Antwort ist das Wirtschaftswachstum

(c) Peter Kufner
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Wenn die Produktivitätssteigerungen so dürftig bleiben wie zuletzt, sollten die Wirtschaftspolitiker auf (inter)nationaler Ebene entsprechend handeln. Ein schnelleres langfristiges Wachstum muss oberste Priorität haben.

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Der Dezember ist die Zeit für einen Rückblick auf das vergangene Jahr und einen Ausblick auf die kommenden Monate. 2019 haben wir zunehmenden politischen Extremismus (sowohl von links als auch von rechts) und Polarisierung, eine zunehmende Instabilität von Regierungen und wachsende Spannungen zwischen Regierungen auf nationaler und subnationaler Ebene erlebt. Jeder dieser Trends wird sich im Jahr 2020 fortsetzen. Fast überall gibt es eine wachsende Kluft zwischen dem, was die Menschen von den Regierungen verlangen und dem, was die Regierungen leisten können. Die Gründe sind vielfältig, aber eine Ursache erklärt die Missstände: das schleppende Wirtschaftswachstum.

Während wachsende Ungleichheit – den Daten zufolge als echtes, aber übertrieben dargestelltes Problem – in den Mittelpunkt der öffentlichen Debatte gerückt ist, ist das Hauptproblem, dass sich der Lebensstandard derjenigen, die auf der Strecke bleiben, nicht schnell genug verbessert. Um dieses Problem anzugehen, werden in den Vereinigten Staaten unter anderem viel höhere Grenzsteuersätze, eine hohe Vermögensteuer und massive neue Leistungsansprüche und Beihilfen vorgeschlagen, was zu größeren Defiziten und einer weitaus stärkeren staatlichen Kontrolle über die Wirtschaft führen würde. Leider verheißt dieser Policy-Mix eine Senkung des Lebensstandards und keine Erhöhung. Damit der ökonomische Kuchen insgesamt größer wird, ist es viel besser, Menschen und Unternehmen ungehindert auf den Märkten agieren zu lassen, als sich auf Regierungsplaner oder Bürokraten zu verlassen. Die Rolle der Regierung sollte sich auf die Durchsetzung fairer Spielregeln beschränken.

 

Pro-Kopf-Einkommen höher

In den USA ist das Pro-Kopf-Einkommen nach Steuern um 50 Prozent höher als das der skandinavischen Sozialdemokratien, die ihre Wohlfahrtsstaaten durch hohe regressive Konsumsteuern zu Lasten der Mittelschicht finanzieren. Linke Kommentatoren, die nicht bereit sind, diese Tatsache zu akzeptieren, behaupten die Ungleichheit selbst sei die Ursache für langsames Wachstum. Sie stellen fest, dass die Reichen dazu neigen, einen größeren Teil ihres Einkommens zu sparen, und behaupten, eine stärkere Umverteilung nach unten würde den Konsum und damit das Wachstum ankurbeln.

Diesem Argument kommt jedoch nur im Zusammenhang mit einer lang anhaltenden Rezession untergeordnete Bedeutung zu. In einer vollbeschäftigten Wirtschaft sind Ersparnisse zur Finanzierung von Investitionen erforderlich, was wiederum die Produktivität und die Löhne erhöht. Darüber hinaus gibt es andere Möglichkeiten, niedrige Einkommen zu erhöhen, die die Triebfeder Sparen und Investieren nicht beeinträchtigen; Paradebeispiele dafür sind Investitionen in Bildung und Ausbildung.

Das stärkere US-Wachstum hat für einen robusten Arbeitsmarkt gesorgt, sodass die Löhne für Geringverdiener schneller steigen als die aller anderen Kohorten. Die Arbeitslosigkeit ist auf ein 50-Jahres-Tief gesunken und unter Hispanics und Afroamerikanern so gering wie nie zuvor.

Dennoch brauchen wir ein noch stärkeres Wirtschaftswachstum, um den Druck zu verringern, radikale wirtschaftliche und politische Reformen durchzuführen. Derzeit wird darüber diskutiert, ob die Verlangsamung des Produktivitätswachstums in den letzten 15 Jahren auf langfristige strukturelle Kräfte oder auf etwas anderes zurückzuführen ist. Das pessimistische Lager – wie u. a. Ökonom Robert J. Gordon von der Northwestern University – behauptet, dass die produktivitätssteigernden Auswirkungen der jüngsten technologischen Fortschritte weit hinter denen zurückbleiben, die mit früheren Technologien wie Strom, Innentoiletten und dem Automobil einhergegangen sind.

 

Die nächste Killer-App kommt

Optimisten verweisen hingegen auf Nanotechnologie, individualisierte Biomedizin und künstliche Intelligenz als wahrscheinliche Vorboten einer neuen Ära technologiegetriebener Zuwächse. Die nächste „Killerapplikation“ sei vielleicht nicht vorhersehbar, aber die Erfahrungen lassen darauf schließen, dass sie (wie in der Vergangenheit auch) kommen wird. Eine weitere Komplikation tritt bei der Messung von Produktivität, realem (inflationsbereinigtem) BIP und Inflation auf. Betrachten wir die USA, wo ein immer größerer Teil der Wirtschaft – 70 Prozent des privaten Sektors – schwer zu messende Dienstleistungen und nicht die Warenproduktion umfasst. Seit Jahrzehnten haben gut dokumentierte Qualitätsveränderungen, neue Produkte und Verzerrungen aufgrund von Substitution das Wachstum unterbewertet und die Inflation zu hoch angesetzt. Und Verbesserungen durch statistische Ämter haben dieses Problem nur teilweise gelöst.

Die Verbreitung (vermeintlich) kostenloser Dienste – Social Media, Videoanrufe, etc. – wirft neue Fragen bei der Messung und Bewertung auf. Das BIP erfasst den Gesamtwert von Waren und Dienstleistungen zu Marktpreisen. Ist der Marktpreis jedoch null, bleibt dieser Wert unberücksichtigt, es sei denn, man verwendet eine alternative Größe, wie etwa die Werbeeinnahmen, die in die Finanzierung der Dienste fließen. Was würden die Verbraucher als Ausgleich für den Verzicht auf eine bestimmte kostenlose Dienstleistung akzeptieren? Um solche Fragen zu beantworten, führen Erik Brynjolfsson (MIT) und Erwin Diewert (Vancouver School of Economics) Experimente durch, in denen die Teilnehmer gefragt werden, ob sie auf einen Dienst verzichten würden, wenn sie dafür die Chance bekommen, mit einer geringen Wahrscheinlichkeit einen bescheidenen Geldbetrag zu gewinnen.

 

Behalten die Optimisten recht?

Bei Facebook gelangen Brynjolfsson und seine Kollegen zu dem Schluss, dass der Wert des Dienstes dem Dreifachen der Werbeeinnahmen des Unternehmens entspricht. Der Verzicht auf einen Dienst für einen Monat im Austausch für etwas Ähnliches wie einen Lotterieschein bietet nur dann eine vernünftige Annäherung an den Wert, wenn weitreichende Annahmen getroffen werden. In der Zwischenzeit werden Wissenschaftler und Statistikämter weiter an Methoden zur Verbesserung bestehender Messgrößen arbeiten. Noch ist unklar, ob der Wert neuer Technologien stärker unterbewertet wird als Ende der 90er-Jahre, als eine von mir geleitete Kommission schätzte, dass Qualitätsverbesserungen und Verzerrungen durch neue Produkte etwa drei Viertel eines Prozentpunkts (von insgesamt 1,1 Prozent) pro Jahr an zu hoch bewerteten Lebenshaltungskosten ausmachen.

Natürlich hofft man, dass die Optimisten recht haben. Aber wenn die Produktivitätssteigerungen dürftig sind und bleiben, wie die Pessimisten warnen, sollten die Wirtschaftspolitiker auf nationaler und internationaler Ebene entsprechend handeln. Ein schnelleres langfristiges Wachstum muss oberste Priorität haben.

© Project Syndicate 1995–2019. Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Michael J. Boskin
(*1945 in New York) studierte Wirtschaftswissenschaften in Berkeley. Derzeit ist er Professor für Ökonomie an der Universität Stanford und Senior Fellow der Hoover Institution. Von 1989 bis 1993 war er Chef des wirtschaftlichen Beraterstabs des damaligen amerikanischen Präsidenten George Bush senior.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2019)