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Klima

Deutschland will "grüne Schulden" machen

Weltweit wurden heuer bis Oktober 761 Mrd. Euro an Green Bonds platziert.
Weltweit wurden heuer bis Oktober 761 Mrd. Euro an Green Bonds platziert.(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Die Bundesrepublik Deutschland will 2020 ihre erste nachhaltige Staatsanleihe begeben. Das Land steigt damit in einen Markt ein, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut.

Wien. Die neue Chefin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, hat ein Gespür für das, was den Menschen unter den Nägeln brennt. Schon Wochen vor der Madrider Klimakonferenz kündigte sie an, die negativen Auswirkungen des Klimawandels verstärkt in die Geldpolitik miteinbeziehen zu wollen. Bei manchen Ökonomen schrillten ob dieser Aussagen allerdings die Alarmglocken. Denn würde die EZB ihr seit Jahren laufendes Anleihekaufprogramm grüner ausrichten wollen, könnte man der Zentralbank nicht nur vorwerfen, sich auf eine Seite zu schlagen. Die EZB müsste sich auch die Frage einer Mandatsverletzung gefallen lassen, sofern sie nachhaltige Anlagen überproportional berücksichtigt.

Zwar hat man noch nicht durchblicken lassen, wie genau die Agenda aussehen soll, doch hat Lagarde ein Thema angesprochen, das die Finanzindustrie schon seit Längerem beschäftigt: nachhaltige Geldanlagen. Tagtäglich werden auf den Kapitalmärkten zig Milliarden verschoben. Weshalb sich die Industrie die Frage stellen muss, wie sie dazu beitragen will, die Welt etwas besser zu machen. Viele börsenotierte Versicherungen haben beispielsweise schon damit begonnen, bestimmte Risken – vor allem in Zusammenhang mit Kohle oder Öl – aus ihren Anlageportfolios zu werfen. Auch weil die Unternehmen befürchten, eines Tages auf ihren Investitionen sitzen zu bleiben.

Ökologische Strategien zu verfolgen gewinnt in der Branche immer mehr an Bedeutung. Das haben nicht nur die Unternehmen erkannt (selbst der Limonadenhersteller Pepsi hat schon eine grüne Anleihe begeben), sondern auch die Fondsindustrie, die als Käufer solcher Papiere verstärkt auf das Thema setzt. Es sind zunehmend aber auch Staaten, die sich diesen Trend zunutze machen. Erst am Donnerstag gab die deutsche Finanzagentur bekannt, dass sie in den boomenden Markt für grüne Anleihen einsteigen wird.

 

Eine grüne Referenz

Eine solche Emission ist für die zweite Jahreshälfte 2020 geplant. Eine konkrete Summe sowie nähere Details werden erst in den kommenden Monaten veröffentlicht. Die Bundesrepublik will es aber nicht bei dieser einen Anleihe belassen. Sie plant, grüne Anleihen über das gesamte Laufzeitspektrum anzubieten. „Der Bund beabsichtigt, eine liquide, grüne Zinsreferenz für den Euroraum zu etablieren“, heißt es dazu. Schon jetzt gelten die Renditen der zehnjährigen deutschen Staatsanleihen als Benchmark in Europa. Die Ausgabe der grünen Papiere soll in Übereinstimmung mit den sogenannten Green Bond Principles erfolgen. Sie bilden den groben Rahmen für eine solche Emission und legen unter anderem fest, dass der Erlös in nachhaltige Projekte fließen soll.

Deutschland ist kein Vorreiter auf diesem Gebiet, aber immerhin früher dran als andere Staaten. So wagten sich die Niederlande im heurigen Mai mit einem Green Bond auf den Markt, Polen und Frankreich sind schon seit 2017 bzw. 2016 aktiv. Im kommenden Jahr könnten mit Deutschland auch Staaten wie Italien und Schweden folgen.

Die EU bastelt bereits seit einiger Zeit daran, die Finanzindustrie ökologischer auszurichten. Erst dieser Tage haben sich das Parlament und die Mitgliedstaaten auf Standards für grüne und nachhaltige Finanzinvestments verständigt. Dabei geht es um ein einheitliches Klassifizierungssystem für Finanzprodukte, an dem sich die Anleger orientieren können. EU-Kommissionsvizepräsident Valdis Dombrovskis erwartet sich davon einen „echten Anschub“ für nachhaltige Investitionen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2019)