Mitreden

Lieb* Lesend*, was bringt genderneutrale Sprache?

Zwischen „Genderwahn“ und sichtbar machen: Das Thema Gendern sorgte schon oft für Zündstoff. Nun wird es noch komplizierter, langsam zieht das Sternchen in die Schrift ein. Wie wichtig ist das? Und warum regen sich so viele darüber auf? Diskutieren Sie mit!

Vater und Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Bub wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine Koryphäe für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: "Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!". Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?

Diese Denksportaufgabe wird oft herangezogen, wenn es darum geht, die Sinnhaftigkeit einer geschlechtsneutralen Sprache zu verdeutlichen. Denn „mitgemeint“ ist nicht immer „mitgedacht“, wie auch mehrere wissenschaftliche Studien zeigen. Etwa eine aus dem Jahr 2015, bei der Volksschulkindern Berufsbezeichnungen vorgelesen wurden. Das Ergebnis: Wenn Berufe in genderneutraler Sprache (zum Beispiel "Automechaniker und Automechanikerinnen") genannt werden, trauen sich Mädchen eher Jobs zu, die von Männern dominiert sind.

Gendern hat sich im Alltag bisher jedenfalls nicht wirklich durchgesetzt. Anders ist es auf Universitäten, die jetzt noch einen Schritt weiter gehen: So prescht die Uni Wien mit dem Gender-Sternchen vor. Es gehe darum, „Formulierungen zu wählen, die respektieren, dass manche Menschen weder ,weiblich‘ noch ,männlich‘ sind“. Was dabei herauskommt? Grußformeln wie „Lieb* Studierend*“.

Thomas Kramar findet das nicht nur lächerlich, sondern auch auf „unlustige Art ärgerlich“, wie er in einem Kommentar schreibt

„Spiegel“ setzt auf geschlechtsneutral

Zwar kein Gendersternchen, aber eine „geschlechtsneutrale“ Schreibweise (z.B. Studierende statt Studenten) will neuerdings auch das deutsche Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Querschreiberin Richtig so, meint Querschreiberin Anna Goldenberg.

Intensiv mit politisch korrekter Sprache befasst sich die Grazer Sprachwissenschaftlerin Cordula Simon. Sie ist überzeugt, dass Sprache die Welt lenkt. Allerdings, fügt sie hinzu, lenke nur eine Sache die Bedeutung: die Verwendung. „Sprachverwendung jedoch ist wie eine Lavalampe. Man kann fasziniert zusehen, aber lenken kann man sie nicht“, so Simon. Daher lautet der Titel ihres „Spectrum"-Textes auch: Warum Sie nicht „gendern“ müssen.

Anders sieht das Thomas Jakl in einem Gastkommentar. Er meint: Frauen oder andere Gruppen „mitzumeinen“, aber in der Sprache unter den Tisch fallen zu lassen, sei „wie ein Friedensgedicht oder ein Liebesbrief im Morsealphabet."

(sk)

Diskutieren Sie mit: Was halten Sie von Binnen-I, Gender* und Co.? Wie wichtig ist eine geschlechtsneutrale Sprache?  Und warum regen sich so viele darüber auf?

(Anm. Dieser Diskussionsartikel stammt vom Dezember und wurde am 6. Februar 2020 aktualisiert)