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Gastkommentar

Die Wunde und das Wunder der Gegenwart

Neben der Bilderflut ist auch ein Wortlärm entstanden, dem schwer zu entrinnen ist.

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Immer liegt sie da vor uns. Die Zukunft. Brettlbreit. Sie ist ein bedenkliches Ding und sollte gern Hoffnungsschimmer versprühen und lieber keine Sorgenfalten auf die Stirn vor unserem geplagten Hirn zaubern. Die Sorgen sind ja berechtigt – um die Zukunft der Welt, die der Menschheit. Vielleicht sollten wir aber auch die Zukunft der Zukunft mit ein paar würdigen Fragen behaften in einer Zeit, in der uns die Sicherheiten nur so davonschwimmen?! Die Gegenwart hat immer ein paar Antworten parat im Rahmen der Besinnung einer eroberungsfähigen Gedankenfreiheit. Ich habe gelernt, mich von fremden und eigenen Gedanken befreien und trösten zu lassen, von der Philosophie, vom Logos, und beschäftige mich seitdem mit der Vermittlung von Erkenntnisfreuden, gleichwohl auch die Erkenntnisschmerzen nicht zu verachten sind.

Gerade die Weihnachtszeit sollte erfüllt sein von Jubelrufen und frohen Botschaften (Halleluja), aber Wirtschaft und Werbung, die mit vielen unsäglichen Worten zum Kauf aufrufen, machen einem das Vernehmen anderer Wahrheiten weiß Gott schwer. Neben der Bilderüberflutung ist auch ein Wortlärm entstanden, dem schwierig zu entrinnen ist. Zu viele Töne, Miss- und Hasstöne in den unzählbaren Postings, die not-wendige Stillen vertreiben, die Gedanken manipulieren und Ängste bewirken und vergrößern, die noch nie gute Ratgeber waren. Da danke ich den Philosophinnen (jüngst Regula Stämpfli, immer wieder Hannah Arendt, Platon und Kierkegaard), die mich zum eigenen, eher harmonischen Denken herausfordern. Denn Philosophie ist für mich die Musik der Ideen, und Gedanken sind wie Töne, die wir nicht festhalten können, sondern in einer erfüllten Gegenwart immer wieder neu erringen dürfen. Für Nietzsche war das Leben ohne Musik ein Irrtum. Ich erlaube mir, ihn weiterzudenken: Ohne Irrtum wäre das Leben Musik . . .

Ins Paradiesische hineinlauschend wünschte ich mir also, auf vieles verzichten zu können in unserer belasteten Welt und wage dabei die Frage, ob ich mit meinen alltäglichen unnützen Worten möglicherweise nicht ebenso schlimmen Müll produziere wie mit den Joghurtbechern und Plastiksackerln aus dem Supermarkt. Die Zeit wird immer knapper bei dem vielen Entsorgen und Recyceln, dem nicht enden wollenden Lesen und Löschen von fast nur noch digitalen Wortnachrichten. Da will mir ein Schweigen, ein Verzicht auf Worte als ein schöneres Wachstum erscheinen als das der (für mich zu hoch gepriesenen) Marktwirtschaft.

Auf Worte verzichten

So liegt sie also immer in uns, die Gegenwart, gebettet zwischen Vergangenheit und Zukunft, mal schlummernd, mal zündend, und wäre durchaus bereit, uns Tore zu öffnen in Gedankenländer, die uns so fremd nicht sein müssen. Dabei wartet sie uns entgegen, die Gegenwart, höchst geduldig und geheimnisvoll. Vor gut zweitausend Jahren soll uns ein Revoluzzer und Heiland geboren worden sein, sicher nicht der einzige; einer der gewiss auf viele Worte verzichtet hat und vor allem währende sprach, mutmaßlich solche, die seine Weisheits- und Liebesprüfung bestanden haben. Man muss ihm ja nicht nachfolgen, aber als Vorbild kann er mir schon dienen, wenn ich meine Umwelt nicht länger belasten, sondern fürnehmlich meinen Mitmenschen eine Bereicherung sein will – in jeglicher und einfacher Hinsicht. In jedem Fall aber scheint es mir in keinem anderen Bild als dem der ärmlichen Krippe mit den Herbergslosen besser dargestellt und erfasst zu sein: die Wunde und das Wunder der Gegenwart.

Alexander Tschernek (* 1966) ist Moderator, Schauspieler, Theater- und Hörspielmacher. Zuletzt in „Onkel Wanja“ (Regie: Michael Sturminger). Gestalter der Ö1-Reihe „Philosophie Pur“ (24. 12., 19.03 Uhr). www.tschernek.at

E-Mails an: debatte@diepresse.com


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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)