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Was kommt nach der Börsenparty?

Ein Grund zur Freude: 2019 brachte fette Gewinne an der Wall Street.
Ein Grund zur Freude: 2019 brachte fette Gewinne an der Wall Street.REUTERS

Die Aktienmärkte haben ein fulminantes Jahr hinter sich. Die Konjunktur bricht weniger stark ein als befürchtet. Die Vorzeichen für 2020 sind positiv. Feuerwerk ist keines zu erwarten.

Wien. „Globale Flaute, wir sind mitten im Bärenmarkt, die fetten Jahre sind vorbei.“ So sahen die Schlagzeilen vor ziemlich genau einem Jahr aus. Rezessionsängste und politische Konflikte prägten das tägliche Börsengeschehen. Dementsprechend sahen die Kurse aus. Die wichtigsten Indizes gingen 2018 mit einem fetten Minus aus dem Handel.

Heuer ist das Gegenteil der Fall. Investoren dürfen sich weltweit über Kursgewinne von über 20 Prozent freuen. Der Austritt der Briten aus der EU sowie der Handelskonflikt zwischen China und den USA scheint glimpflicher auszugehen als befürchtet. Die konjunkturelle Lage hat sich seit Herbst deutlich aufgehellt. Die Wachstumszahlen für das dritte Quartal fielen in den USA und der Eurozone besser aus als erwartet.

Die Börsen spielen daher das Lied von der wirtschaftlichen Trendwende – und werden auch 2020 davon leben. Die Analysten der Raiffeisen Bank International gehen deshalb von einem anhaltend positiven Umfeld an den Aktienmärkten aus, wenngleich sie an kein Kursfeuerwerk glauben.

Während die Industrie derzeit noch lahmt, sollte sie die Talsohle im ersten Halbjahr 2020 durchschreiten. Die Beschäftigungszahlen wiederum schwächeln zwar seit dem Sommer, doch weil die Arbeitsmärkte nahe an der Vollbeschäftigung kratzen, bleibt der private Konsum intakt. Unter dem Strich beginnen sich die Vorlaufindikatoren zu stabilisieren, wenngleich auf niedrigem Niveau“, sagt Peter Brezinschek, Chefökonom der Raiffeisen Bank International anlässlich eines Pressegesprächs. „Tendenziell nimmt die Dynamik pro Quartal zu.“ Für die USA erwartet die RBI im kommenden Jahr ein BIP-Wachstum von 1,7 Prozent, für die Eurozone von 0,8 Prozent. Der Wert liegt damit über der bisherigen Prognose, allerdings deutlich unter dem Niveau von 2019.

 

Europa vor USA

„Grundsätzlich laufen die Aktienmärkte der Konjunktur zwei bis drei Quartale voraus“, sagt Raiffeisen-Analyst Bernd Maurer. Deshalb ist in den derzeitigen Kursen schon sehr viel eingepreist. Sollten Wirtschaftsdaten oder/und Gewinnerwartungen enttäuschen, sind Rücksetzer möglich. Kurskorrekturen werden von den Experten aber als Kaufgelegenheit in einem „aufwärtsgerichteten Börsentrend“ betrachtet. Weil die Amerikaner im kommenden Jahr einen neuen Präsidenten wählen, dürfte auch die amerikanische Notenbank die Füße still halten. So sie geldpolitische Lockerungen durchführt, würden diese eher früher als später erfolgen, lautet die Einschätzung. Die Fed hält sich in Wahljahren aber traditionellerweise zurück. Die EZB wiederum wird 2020 mit ihrer Strategieüberprüfung beschäftigt sein. Große geldpolitische Veränderungen stehen eher keine an.

Die relative Attraktivität von Aktien im Vergleich zu anderen Anlageklassen bleibt laut den Raiffeisen-Experten bestehen. Eine Stabilisierung der Industrie sollte vor allem den europäischen Börsen zugute kommen. Die Dividendenrendite (Höhe der Dividende gemessen am Kurs) europäischer Titel liegt über jener der USA.

Grundsätzlich gehen die Experten für 2020 von einem Gewinn- und Margenwachstum bei Unternehmen aus. Doch sind Revisionen nach unten durchaus möglich, aber kein Grund zur Sorge. Denn seit Inkrafttreten der Finanzmarktrichtlinie MiFID II werden die Gewinnschätzungen für Unternehmen von Analysten nicht mehr so häufig aktualisiert. Einschätzungen werden nur noch veröffentlicht, wenn man „einen Mehrwert für Investoren sieht“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)