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Moderne Assessments

Bei Prüfungen glänzen lassen

Reines Faktenwissen abzuprüfen ist nicht mehr zeitgemäß. Künftig soll die Leistungsbeurteilung mehr auf individuellen Lernfortschritt fokussieren.
Reines Faktenwissen abzuprüfen ist nicht mehr zeitgemäß. Künftig soll die Leistungsbeurteilung mehr auf individuellen Lernfortschritt fokussieren.Getty Images

Lehrende an Hochschulen haben heute höheren Ansprüchen zu genügen als noch vor zehn oder 20 Jahren – nicht nur bei der Stoffvermittlung, sondern auch bei Prüfungen.

In Zeiten, in denen das Internet jede Menge Informationen sofort verfügbar macht, stellt sich die Frage, wie sinnvoll es noch ist, auswendig gelerntes Faktenwissen abzuprüfen. Und ob bei Assessments nicht verstärktes Augenmerk auf andere Qualitäten gelegt werden sollte wie auf die Kompetenzen, die im Lauf eines Semesters erworben wurden; auf die Fähigkeit, Lösungen im Team zu finden, oder Interessenschwerpunkte, die sich herausgebildet haben.

Mit zeitgemäßen Methoden sollte es möglich sein, Prüfungen auch auf solche Ziele abzustimmen und das Lernverhalten der Studierenden zu steuern. Ausgehend vom pragmatischen Prinzip Studierender „Gelernt wird, was geprüft wird“ gilt es für moderne Lehrende, sozusagen das Pferd beim Schwanz aufzuzäumen.

Von diesem Ansatz ging man auch bei der Tagung „Prüfen in der Hochschullehre“ zum Tag der Lehre im Herbst aus, deren Gastgeber die Fachhochschule St. Pölten war. Der Leiter des dortigen Zentrums für Hochschuldidaktik „Skill“, Josef Weißenböck, der auch die Tagung organisierte, verweist als Beispiel innovativen Prüfens auf eine Entwicklung aus eigenem Haus – die App „Skill-Quiz“, die ähnlich funktioniert wie das bekannte Onlinespiel „Quiz-Duell“. Jeweils zwei Studierende treten gegeneinander an und beantworten Fragen aus einem bestimmten Wissensgebiet. „Durch den spielerischen Wettbewerbscharakter macht das Wiederholen des Lehrstoffs auf einmal Spaß“, sagt Weißenböck. „Daher setzen sich die Studierenden intensiv mit den Kernthemen der Lehrveranstaltung auseinander.“ Die App werde derzeit in ausgewählten Lehrveranstaltungen sowohl zur Prüfungsvorbereitung als auch als tatsächliche Prüfung eingesetzt. „Lehrende geben die Rückmeldung, dass die Studierenden durch diesen Zugang deutlich mehr aus der Lehrveranstaltung mitnehmen als bei klassischen Prüfungsansätzen“, berichtet Weißenböck.

 

Incentives gefragt

Mehr aus der Lehrveranstaltung mitzunehmen soll, wenn es nach Stefan Oppl, Professor für technologiegestütztes Lernen an der Donau-Universität Krems geht, auch durch sogenannte Incentives möglich werden. Darunter sind prüfungsrelevante Bonuspunkte zu verstehen, die man erwirbt, wenn man an Lehrveranstaltungen teilnimmt, in denen keine Anwesenheitspflicht besteht. Was auf den ersten Blick als billige Punkte erscheinen mag, kann, wie Oppl in einer Studie erhob, zu nachhaltigen Lerneffekten führen, je nachdem, wie stark die Incentives in der Prüfung gewichtet werden. „Sehr positiv wirkt es sich bei Studierendengruppen aus, die normalerweise bei klassischen Prüfungsformaten benachteiligt wären, zum Beispiel bei Studierenden mit nicht deutscher Erstsprache“, sagt Oppl. Insgesamt positiv, wenn auch wenig überraschend: Die Anwesenheit in den Lehrveranstaltungen konnte durch Incentivierung von zehn bis 15 auf 70 bis 80 Prozent gesteigert werden.

Wichtig für einen erfolgreichen Einsatz von Incentives ist aus Oppls Sicht zum einen, das Prüfungsformat zu Beginn der Lehrveranstaltung transparent zu erklären. Zum anderen, den Bonuspunkte-Anteil in der Prüfung nicht höher als 30 Prozent anzusetzen, damit nicht das Gefühl entstehe, für die Prüfung nichts mehr lernen zu müssen.

Hinfällig wird die Frage, ob man die Anwesenheit in die Benotung einfließen lassen soll, bei Studienprogrammen, die ausschließlich auf Fernlehre setzen. Dabei ist ein innovativer Ansatz, die individuelle Entwicklung von Teilnehmern während eines Moduls in ein Assessment mit einzubeziehen, wie Elske Ammenwerth, Professorin für Medizinische Informatik an der Privatuniversität Umit, erklärt. Ammenwert ist Sprecherin des Arbeitskreises für Hochschuldidaktik der Umit und zudem verantwortlich für einen rein onlinegestützten Masterlehrgang.

 

Kontinuierliche Prüfung

Klassische Prüfungsformen, wie Klausuren, seien dort nicht nur operativ schwer umzusetzen, sondern auch nicht sinnvoll, sagt die Didaktikerin. Stattdessen setze man auf kontinuierliche, kursbegleitende Prüfungsformen, bei denen Studierende laufend Feedback bekämen, um sich noch während eines Moduls weiterentwickeln zu können. Um später den individuellen Kompetenzgewinn sichtbar zu machen, könne man am Ende eines Moduls die Studierenden zu einer Reflexion über ihre Erfahrungen und den erreichten Praxistransfer auffordern. „Oder wir bitten sie, eine kognitive Landkarte zum bearbeiteten Thema zu erstellen, damit sie beschreiben, wie sie das Thema des Moduls verstehen.“ Für die Studierenden seien derartige Prüfungsformate natürlich ungewohnt. „Wir müssen sie erst schrittweise heranführen und ihnen zeigen, dass es wert ist, sich darauf einzulassen, weil sie selbst dann auch nach außen, etwa gegenüber ihren Arbeitgebern, besser darstellen können, was sie gelernt haben.“

Die Quintessenz ist für Weißenböck, den Studierenden die Möglichkeit zu geben, bei der Prüfung zu glänzen. „Wenn wir als Lehrende Prüfungsaufgaben oder -situationen schaffen, die mehr Lust als Frust erzeugen, ist das eine hervorragende Voraussetzung. Damit ist definitiv nicht gemeint, es Studierenden möglichst leicht zu machen – durchaus eher im Gegenteil. Aber die Herausforderung, die wir ihnen stellen, muss spannend, relevant und motivierend sein. Positive Challenges holen das Beste aus Menschen heraus, und so sollten auch Prüfungen im Hochschulbereich gestaltet sein.“

Web: http://skill.fhstp.ac.at/wp-content/uploads/2019/11/Tagungsband?2019.pdf

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)