Schnellauswahl
Pilgerreisen

Wenn der Weg das Ziel ist

Ein Pilgerbegleiter kümmert sich sowohl um spirituelle Bedürfnisse als auch um praktische Belange.
Ein Pilgerbegleiter kümmert sich sowohl um spirituelle Bedürfnisse als auch um praktische Belange.Christine Dittlbacher
  • Drucken

Viele, die sich auf einen spirituellen Weg begeben, sind mit ausgebildeten Begleitern unterwegs. Im Rahmen eines EU-Projekts soll ein länderübergreifendes Curriculum entstehen.

Seit den 1990er-Jahren erlebt Pilgern eine Renaissance. Immer mehr Menschen machen sich wieder auf den Weg. „Sie gehen in die Fremde, um sich selbst kennenzulernen“, sagt Christine Dittlbacher, in der Diözese Linz Ausbildungsleiterin für Pilgerbegleiter. Allein hierzulande erstreckt sich ein Netz von 48 Pilgerwegen mit einer Gesamtlänge von 22.000 Kilometern, darunter die Via Sacra von Hinterbrühl nach Mariazell. „Österreich ist auch ein Transitland“, sagt Roland Stadler, Sprecher des Netzwerkes Pilgern in Österreich. Es liegt auf den großen Routen nach Santiago de Compostela, Rom oder Jerusalem. Europaweit verzeichnet man ein jährliches Plus an Pilgern von bis zu zehn Prozent. 2018 kamen 327.378 Pilger aus 117 Ländern in Santiago an.

 

Sinnsuche begleiten

Pilgern geschieht oft in herausfordernden Lebenssituationen. „Vielfach sind die Motive für ein spirituelles Wandern private Krisen, Trennungen, Krankheiten, aber auch eine berufliche Neuorientierung oder der Wunsch nach einer Auszeit. Nur in 25 bis 30 Prozent der Fälle ist die Entscheidung religiös motiviert“, sagt Stadler. Die Tradition einer Begleitung der Pilger durch Geistliche gibt es seit Jahrhunderten, die für alle offene Ausbildung zur zertifizierten Pilgerbegleitung ist aber noch jung. Sie besteht seit 2004 und wurde im Zuge der Wiederbelebung des Pilgerwegs Via Nova von Regensburg nach St. Wolfgang entwickelt. „Wir verstehen Pilgerbegleiter als lmpulsgeber, keineswegs als Animateure“, sagt Dittlbacher.

Angeboten wird die Ausbildung von Diözesen wie jener in Linz, von Bildungshäusern wie in Lienz oder kirchlichen Einrichtungen wie dem Stift Seitenstetten. Die Teilnehmer werden in mehreren Modulen, die sich über rund ein Jahr erstrecken, geschult. „Dabei geht es zum einen um spirituelle Kenntnisse über Wurzeln des Pilgerns in unterschiedlichen Religionen, das Feiern von Andachten und die Gestaltung von Kirchenführungen. Zum anderen um soziale Kompetenzen für das Leiten von Gruppen und die adäquate Reaktion in Notfällen. Technisches Know-how für die Tourenplanung, der Umgang mit Karten und GPS stehen auch auf dem Programm“, erklärt Stadler. Die Ausbildung ist von der Weiterbildungsakademie Österreich zertifiziert, es werden ECTS-Punkt vergeben. Voraussetzungen sind laut Stadler „gute körperliche Kondition, Stressresistenz, eine kommunikative und integrative Persönlichkeit sowie ein Zugang zu Religiosität und Spiritualität“.

 

Von philosophisch bis alpin

Spezialisierungen können in viele Richtungen verlaufen: Das kann philosophisches oder alpines Pilgern genauso sein wie Abenteuer-, Lama- oder Kräuterpilgern. „Es geht nicht allein um Religionsvermittlung“, sagt Dittlbacher, „sondern auch darum, in einen Prozess des Staunens, der Schöpfungsachtung, der Tuchfühlung mit der Natur bis in den kleinsten Tautropfen zu jeder Jahreszeit und jeder Witterung zu kommen. Es sind die Erfahrungen, die auf dem Weg liegen, die das Pilgern ausmachen.“ In diesem Sinn liege die Aufgabe der Begleiter nicht im Anführen, sondern darin, eine Struktur vorzugeben, Impulse zu geben und Hilfe zu leisten.

In Österreich gibt es rund 500 zertifizierte Pilgerbegleiter. Sie sind ehrenamtlich in Pfarren im Einsatz oder haben etwa als Wander- oder Fremdenführer eine Zusatzqualifikation erworben und agieren in Kooperation mit Reiseveranstaltern, Tourismusregionen oder Beherbergungsbetrieben.

 

Know-how-Export

Das Grenzüberschreitende liegt im Wesen des Pilgerns. Daher wird nun österreichisches Know-how im zweijährigen Erasmus+-Projekt „EU Pilgrimage“ in die Pilgerländer Spanien und Italien exportiert. „Dort gibt es noch keine Ausbildung wie bei uns, in Spanien werden Hilfestellungen meist stationär angeboten, in Italien sind vor allem Priester mit den Gruppen unterwegs, bei unserem Projektpartner Slowenien ist es ein Mix aus beidem“, sagt Ernst Sandriesser, Projektträger und Geschäftsführer des Forums Katholischer Erwachsenenbildung. Christa Englinger hat das Projekt mit Ernst Leitner vom Pilgerverein Via Sacra entwickelt. „Ich beschäftige mich schon lang mit nachhaltigem Tourismus und habe Angebote für den Franziskusweg oder den Antoniusweg in Italien entwickelt, die vor allem die Verbindung zur Kultur und zu den Menschen des Landes fördern“, sagt die Reiseleiterin und Pilgerbegleiterin.

Ziel des Projekts ist ein internationales Curriculum, das Gehen mit Handy-Apps, Sprachkompetenzen und das Wissen um gesetzliche Bestimmungen in den Ländern mit einschließt. Sieben Module samt E-Learning-Plattform sollen erstellt werden. Schwerpunkte sind Digitalisierung, Menschen mit Behinderung als Zielgruppe und sanfter, schadstoffarmer Tourismus. „Beim Pilgern schlägt man ja grundsätzlich den Weg der Reduktion ein“, sagt Dittlbacher. „Im wörtlichen und im übertragenen Sinn.“

Web: www.pilgerwege.at

 

www.spirituelle-wegbegleiter.at www.stift-seitenstetten.at

 

https://bildungshaus-osttirol.jimdo.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)