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Junge Forschung

Die Gestaltung der Oberflächen

Kathrin Figl untersucht Auswirkungen von Design auf unser Entscheidungsverhalten: Warum werden Fake News auf dem Smartphone schneller geteilt?
Kathrin Figl untersucht Auswirkungen von Design auf unser Entscheidungsverhalten: Warum werden Fake News auf dem Smartphone schneller geteilt?Thomas Steinlechner

Die Wirtschaftsinformatikerin Kathrin Figl möchte herausfinden, warum Menschen bei einem Intelligenztest auf dem Smartphone weniger gut abschneiden als am Computer.

Der Forscherdrang packte Kathrin Figl schon im ersten Semester ihres Psychologiestudiums. „Es war in einer Vorlesung über kognitive Denkfehler“, erinnert sich die 39-Jährige. „Ich wollte sofort wissen, was ich tun muss, um später selbst Wissenschaftlerin zu werden und experimentell zu arbeiten.“ Figl ist Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Uni Innsbruck. Den Tipp, sich gute Statistikkenntnisse zur Auswertung von Experimenten anzueignen, hat sie damals befolgt. Ebenso kommt ihr heute ihr Doppelstudium zugute. „Ich bin froh, dass ich Psychologie mit Wirtschaftsinformatik kombiniert habe, auch wenn es in meiner Studienzeit noch nicht absehbar war, dass es einmal so viele gesellschaftlich relevante Forschungsfragen an der Schnittstelle dieser beiden Fächer geben wird.“

 

Wie beeinflusst uns digitales Design?

Figl untersucht, wie visuelle Sprachen funktionieren und was man beachten muss, damit digitale Informations- und Kommunikationssysteme ohne Missverständnisse von der jeweiligen Zielgruppe verstanden werden. Außerdem erforscht sie die Auswirkungen von Design auf das Entscheidungsverhalten von Menschen bei der Nutzung dieser Systeme. Dabei stehen psychologische Experimente, unter anderem die Analyse von Blickbewegungsmustern, und auf Fragebogen basierende Studien im Mittelpunkt. „Dass man so neue Erkenntnisse gewinnen und unsere Welt besser verstehen kann, hat mich von Anfang an fasziniert.“

Vor knapp zwei Jahren hat sich die promovierte Wirtschaftsinformatikerin an der WU Wien mit Studien über die Bedeutung visueller Sprachen für das Prozessverständnis und Entscheidungen in Unternehmen habilitiert. „Bei Prozessmodellen hatte ich oft das Gefühl, dass nicht das Bild mehr als tausend Worte sagt, sondern dass man eher tausend Worte braucht, um es den Leuten zu erklären“, schmunzelt sie. „Dabei sollen ihnen die bildlichen Darstellungen eigentlich helfen, die dahinterliegenden Strukturen und Abläufe zu erfassen.“ Doch wo viele Rädchen ineinandergreifen, werde es schnell unübersichtlich. „Umso wichtiger ist es, Prozesse so zu modellieren, dass sie jeder begreift. Das macht sie darüber hinaus zu einer guten Entscheidungsgrundlage für betriebliche Verbesserungen.“ Was ins Auge fällt, hat jedenfalls Gewicht und kann Entscheidungsfindungen sogar verzerren. Darum überprüft Figl in ihren Experimenten den Einfluss von Gestaltungselementen sehr genau. Derzeit etwa, wie diese bei Smartphone- oder PC-Oberflächen das intuitive Denken, die Aufmerksamkeit und damit verbunden den Umgang mit Fake News oder Datenschutzeinstellungen steuern.

Im Zuge der Digitalisierung hätte sich mit den Informationsmedien auch die Art, Entscheidungen zu treffen, gewandelt, so Figl. Etwa wenn wir online Formulare ausfüllen, Banktransaktionen vornehmen oder einkaufen. „Mit dem Smartphone tragen wir zum Beispiel ständig einen externen Wissensspeicher als Erweiterung unseres Gedächtnisses mit uns herum.“

Wie wirkt sich das auf die Verarbeitung von Informationen und unser Denken aus? Handeln wir am Smartphone intuitiver als am PC? Um solche Fragen kreisen Figls aktuelle Experimente. „Aus Metastudien zur Online-Personalauswahl wissen wir, dass Menschen zwar nicht bei Persönlichkeits-, aber bei Intelligenztests am Smartphone schlechter abschneiden als am Computer“, sagt sie. „Ich möchte herausfinden, woran das liegt.“ Ist es die ständig greifbare Ablenkung oder die Überbetonung der sozialen und unterhaltenden Funktion des Geräts, die uns hier weniger durchdacht reagieren lässt? Auch Fake News stoßen am Smartphone auf mehr Zuspruch. „Unsere Testpersonen haben darauf Fake News enthaltende Facebook-Beiträge häufiger geteilt, obwohl sie ihnen weniger Zeit widmeten als am PC.“ Durch Klarheit über möglichst viele solcher Details könne man Gegenmaßnahmen entwickeln, die das Innehalten und Nachdenken aktivieren.

Ausgleich zu ihrer computerlastigen Forschung findet die Wienerin in der Natur: Mit ihrem Mann und den beiden Kindern erkundet sie gern die Tiroler Berge.

ZUR PERSON

Kathrin Figl (39) hat an der Universität Wien Psychologie und Wirtschaftsinformatik studiert und in Wirtschaftsinformatik promoviert. Sie befasst sich mit der menschzentrierten Gestaltung von digitalen Informationssystemen. Nach ihrer Habilitation im Jänner 2018 wurde sie Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Universität Innsbruck.

Alle Beiträge unter:  www.diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)