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Von Transsylvanien auf die Vienna Design Week

Die Produktionsbedingungen sind zuweilen eher primitiv, das Ergebnis beeindruckend.
Die Produktionsbedingungen sind zuweilen eher primitiv, das Ergebnis beeindruckend.A. Levac
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Die österreichische Designerin Nadja Zerunian entwickelt mit traditionellen Handwerkern in Osteuropa Kollektionen, die sich international vermarkten lassen. Was nicht nur gut aussieht, sondern auch Gutes bewirkt.

Mit der Antwort auf die Frage, was Luxus ist, verhält es sich ähnlich wie mit der nach wahrer Schönheit – die bekanntlich im Auge des Betrachters liegt. Immer häufiger gehören zum Luxus, den man sich daheim leisten will, neben hochwertigen Materialien und gutem Design auch Attribute wie authentisch, handgemacht, ethisch produziert und fair gehandelt. Eine Kombination, deren Potenzial die Wiener Designerin Nadja Zerunian und die Erste-Stiftung erkannt haben. Sie setzen sich dafür ein, traditionelle Handwerker unter anderem aus Rumänien, Georgien, Albanien vor Ort darin zu unterstützen, neue Marketingmöglichkeiten zu nutzen, ihre Produkte für einen breiteren Markt herzustellen und dafür ein modernes Designverständnis zu entwickeln.

 

Paris, Berlin, Bukarest & Wien

Mit Erfolg, denn die Arbeiten der Kupfertreiber und Silberschmiede, Korbmacher, Besenbinder, Tischler, Schnitzer und Weber waren seither nicht nur auf der Vienna Design Week, in diversen Pop-up-Stores in Wien und einem Designgeschäft in Bukarest populär, sondern werden auch als kleine Kollektionen für Ikea in manchen Ländern und für Designshops in Berlin produziert und verkauft.

Angefangen hat alles damit, dass sich der rumänische NGO-Mitarbeiter Andrei Georgesco 2013 an die Erste-Stiftung wandte und um Unterstützung für seine Arbeit mit Roma-Handwerkern bat. Diese wurde ihm nicht nur finanziell, sondern auch durch die Mitarbeit von Zerunian gewährt, die von der Erste-Stiftung als ehrenamtliche Beraterin für das Projekt gewonnen werden konnte.

Aus gutem Grund, denn die Österreicherin war bereits als Chefdesignerin für Calvin Klein, Swatch und die dänische Edel-Silberschmiede Georg Jensen erfolgreich und bereit, ihr Wissen zu teilen. „Das war für uns über die finanzielle Unterstützung hinaus eine unglaubliche Bereicherung“, schwärmt Georgesco.

Und dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, denn auch für Zerunian eröffneten sich vor Ort neue Welten. „Ich habe bei Jensen mit den besten Silberschmieden der Welt zusammengearbeitet – und dann im tiefsten Transsylvanien einen Mann getroffen, der das alles besser kann“, erinnert sich Zerunian an Begegnungen, die sie nachhaltig beeindruckt haben. Und sie in ihrem Anliegen, „die Geschichte der Roma anders zu erzählen, nicht als eine der Katastrophen und Vorurteile“, weiter bestärkt hat.

Kupferschüsseln
KupferschüsselnM. Glassner

 

Gemeinsame Kollektionen

Gemeinsam wurden Strategien und Kollektionen entwickelt, die immer vom Respekt für das traditionelle Handwerk getragen waren – und es bis in das rumänische Hauptabendprogramm, auf die Révélations-Messe in Paris und die Vienna Design Week geschafft haben. Unter dem Dach des von Georgesco mitbegründeten MBQ-Netzwerks werden die Produkte heute ganzjährig im Bukarester Shop vertrieben, der im kommenden Jahr seinen Onlineverkauf weiter ausweiten wird.

Was nicht nur dazu beiträgt, der jahrhundertealten Handwerkskunst das langfristige Überleben zu sichern, sondern auch etlichen Familien und ganzen Dorfgemeinschaften. Manche der beteiligten Handwerker können inzwischen ihren Lebensunterhalt komplett als selbstständige Unternehmer bestreiten, „für andere bemühen wir uns, in den Dörfern, in denen jeder für sich daheim arbeitet, Gemeinschaftsproduktionsstätten zu gründen“, berichtet Georgesco. „Unter anderem, um höhere Sicherheitsstandards und ein besseres Equipment möglich zu machen, aber auch, weil es die Qualitätskontrolle erleichtert.“

Er selbst hat sich 2019 aus dem MBQ-Shop zurückgezogen und arbeitet inzwischen mit Zerunian und Unterstützung der Erste-Stiftung an einem Nachfolgeprojekt: Die Initiative Corizom soll das erfolgreiche Konzept auf einer größeren Skala umsetzen, das traditionelle Wissen und die Handwerkskunst in weiteren Ländern miteinbeziehen. „In einem ersten Schritt arbeiten wir derzeit neben Rumänien auch mit Holzschnitzern in Georgien und Kelim-Herstellern in Albanien“, berichtet Zerunian. „Außerdem wollen wir künftig Keramikprodukte aus Usbekistan sowie Arbeiten von Korbmachern aus Ungarn und Kupfertreibern aus Bosnien dazu nehmen“, so Georgesco. Zu sehen werden die Ergebnisse der neuen und alten Initiativen dann im kommenden Herbst auf der Vienna Design Week sein. (sma)

INFO

Die Produkte der Roma-Handwerker werden über das Netzwerk MBQ– für Meşteshukar ButiQ – und den Design Shop in Bukarest vertrieben.

Derzeit können sie über www.MBQ.ro per E-Mail bestellt werden, 2020 soll der Onlineshopprofessionalisiert werden.

Infos über die Nachfolgeprojekt finden sich unter www.Corizom.org, hier gibt es momentan aber nur Maßanfertigungen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)