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Ethnomusikologie

„Musik ist wirkmächtig“

„Für Minderheiten hat Musik einen noch wichtigeren Stellenwert als für Mitglieder der jeweils dominanten Gesellschaftsgruppe“, sagt Ursula Hemetek.
„Für Minderheiten hat Musik einen noch wichtigeren Stellenwert als für Mitglieder der jeweils dominanten Gesellschaftsgruppe“, sagt Ursula Hemetek.REUTERS
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Wittgenstein-Preisträgerin Ursula Hemetek gründet in Wien ein Forschungszentrum zur Musik von Minderheiten. Sie will die Macht der Musik nutzen, um einer gerechteren Gesellschaft einen Schritt näher zu kommen.

Es war in den späten 1960er-Jahren, als die Ethnomusikologin Adelaida Reyes urbane Musik in Harlem, New York, zu studieren begann. Das war ungewöhnlich. Üblicherweise richteten die Experten und Expertinnen ihrer Disziplin den Blick in die Ferne – auf die Musik in exotisierte afrikanische Dörfer oder asiatische Kleinstgesellschaften. Auf Ethnomusikologie-Konferenzen lag stets ein Hauch von Abenteuer und Romantik in der Luft. „Als ich sagte, ich mache meine Feldforschung in New York, brachen alle in Gelächter aus“, erinnert Reyes sich.

Heute gilt ihre Arbeit als bahnbrechend. Sie ist eine von elf internationalen Koryphäen der Ethnomusikologie, die an der Konzeption eines neuen Forschungszentrums in Wien beteiligt waren.

 

Gesellschaftspolitische Brille

Den Grundstein für das „Music and Minorities Research Center“ (MMRC) legte der mit 1,4 Millionen Euro dotierte Wittgenstein-Preis, der im vergangenen Jahr an Ursula Hemetek ging. Wie Reyes ist auch sie eine Pionierin innerhalb der Disziplin: Hemetek gilt als Begründerin des neuen Feldes der Minderheitenforschung in der Ethnomusikologie. Ihre Arbeit versteht sie als eng an gesellschaftspolitisches Engagement geknüpft.

„Musik kann der Identifikation ebenso wie der Repräsentation dienen. Somit ist Musik ein wesentlicher gesellschaftspolitischer Faktor“, sagt Hemetek. „Für marginalisierte Gruppen kann Musik zusätzliche vielfältige Bedeutungen haben.“ Sie selbst hat in den späten 1980er-Jahren begonnen, sich mit der Musik der Burgenlandkroaten und der Roma auseinanderzusetzen. Später rückten Migrantinnen und Migranten aus der Türkei sowie geflüchtete Menschen aus Afghanistan und deren Musik in den Fokus ihres Interesses.

„Mit dem Wittgenstein-Geld möchte ich etwas Nachhaltiges aufbauen“, erklärt die Wiener Ethnomusikologin ihre Entscheidung für die Gründung des MMRC. Es gehe auch darum, das Wissen an die nachfolgende Generation weiterzugeben und das Forschungsfeld nachhaltig zu verankern. Angesiedelt ist das Zentrum an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien (MDW).

 

Dialog auf Augenhöhe

Mit Marko Kölbl vom Institut für Volksmusikforschung und Ethnomusikologie der MDW sitzt auch ein Vertreter der jüngeren Forschendengeneration im MMRC-Beirat. Für ihn ist wichtig, dass ethnomusikalische Feldforschung den Menschen auf Augenhöhe begegnet – und zwar nicht nur als Lippenbekenntnis. „Auf Augenhöhe, das ist eine theoretische Phrase, sie umzusetzen ist schwierig“, weiß er.

„Dialogische Wissensproduktion“ nennt Hemetek diesen Zugang, den sie im neuen Forschungszentrum hochhalten will. „Wir produzieren das akademische Wissen, aber es gibt viele andere Wissensformen, die genauso wertvoll sind. Ohne dieses Wissen könnten wir nicht forschen.“ Dialog sei jedenfalls keine Einbahnstraße: „Auch wir Forschenden müssen die Menschen fragen: Was braucht ihr, was wollt ihr? Im Fall von Roma-Musik war es etwa früher wichtig, dass diese auf die Bühne gebracht wird. Heute hingegen wollen viele junge Musikerinnen und Musiker professionelle Videos für Plattformen wie YouTube.“

Beispiel für eine gelungene dialogische Wissensproduktion ist ein Projekt von Kölbl, in dem er sich mit jungen Afghanen und der Rolle von Musik im Fluchtkontext und im neuen Lebensumfeld beschäftigte. „Die Menschen, mit denen wir gearbeitet haben, waren als Forschende dabei, um uns Sprache und Kontext zu erklären, daraus hat sich ein sehr kollaboratives Forschen entwickelt.“

 

Tanzen in der Diaspora

Und das, obwohl viele der Geflüchteten nicht einmal einen Pflichtschulabschluss hatten. Kölbl: „Auch sie selbst wussten vielfach nicht um die Expertise, die sie mitbringen.“ Das sei ihnen erst im Projekt bewusst geworden. Hintergrund ist der andere Stellenwert, den musikalisches Wissen in Afghanistan im Vergleich zu Europa hat. Seit den 1980er-Jahren unterdrückt, später sogar verboten, bemühen sich staatliche und private Stellen erst seit dem Fall der Taliban wieder um Musik in aller Vielfalt. Bei der jüngeren Generation sind europäische Instrumente und moderne Stilrichtungen wie Hip-Hop beliebt. Das unter den Taliban untersagte Tanzen biete, so Kölbl, vor allem den Jungen eine Möglichkeit zur kollektiven körperlichen Ausverhandlung von Identität: „Musik und Tanz sind zentrale kulturelle Ausdrucksformen der afghanischen Diaspora in Österreich geworden.“

Im neuen MMRC will Ursula Hemetek auch auf die Kooperation mit NGOs setzen: „Wir sind sehr offen für Projektideen. Ab Jänner geht's los.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2019)