Gunnar Marel Eggertsson, Kapitän der "Íslendingur", zeigte mit seiner 110-tägigen Fahrt empirisch, wie die Isländer Amerika entdeckt haben.
Für Isländer ärgerlich ist der ewige Mythos von der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus & Co. Die 500-Jahre-Feiern riefen auf der größten Vulkaninsel der Welt nicht gerade blendende Stimmung hervor, war doch Leif Eriksson, also ein Isländer, erwiesenermaßen der erste Europäer, der amerikanischen Boden betrat – und das, wie Quellen sichern, mit 35 Mitreisenden im Jahre 1000. Sein Vater Erik der Rote, ein streitbarer Mann, hatte während seiner Verbannung bereits mehrere Siedlungen in Grönland gegründet. Er benannte die eisige Insel so, wie es eine PR-Abteilung nicht unverschämter hätte tun können: Greenland, Grünland, „denn er behauptete, dass die Leute gern dorthinkommen würden, wenn das Land einen guten Namen hatte“, wie die Überlieferung erzählt.
Sohn Leif Eriksson segelte mit seinen Leuten in kurzen Etappen die Küste entlang, über Baffin Island und Labrador bis zu einem Ort, den sie „Vinland“ nannten: vermutlich Neufundland. Den Ureinwohnern gaben die Isländer die Bezeichnung „Skraelinger“, also „Schwächlinge“. Im Unterschied zu späteren Entdeckern ging es den Isländern allerdings nicht um die Erschließung eines Kontinents. Sie begnügten sich mit ein paar befestigten Küstensiedlungen, mit Schmelzöfen und Schmiedewerkstätten – die man im 19. Jahrhundert ausgrub. In Vinland, „äußerst fruchtbar und sogar mit Reben“, brachte Gudridur Thorbjarnardottir 1004 das erste europäische Kind in Amerika zur Welt: ihren Sohn Snorri.
„Das Schiff ist ein Originalnachbau – bis zu den Nägeln“, erklärt der blonde, blauäugige Kapitän Gunnar Marel Eggertsson vor seinem Segelschiff, das heute im Wikingermuseum nahe Reykjavík ausgestellt ist. Auch heute kommt er immer wieder gern vorbei, um seine „Íslendingur“ anzusehen. Dem Seefahrer ließ 1994 keine Ruhe, dass es weiterhin Stimmen gab, die bezweifelten,
seine Vorfahren hätten tatsächlich amerikanischen Boden betreten. Schriftliche und archäologische Beweise existierten zwar zur Genüge, Skeptiker wandten aber ein, dass die Holzschiffe der Wikinger für solche Reisen nicht stabil genug gewesen seien. In mühsamer Kleinarbeit baute Gunnar eine exakte Replik des Wikingerschiffes „Gokstad“ aus dem Jahr 870, das im Schlamm versunken tausend Jahre überstanden hat und nun in einem Osloer
Museum steht.
Es dauerte beinahe ein Jahrzehnt, ehe die unmotorisierte „Íslendingur“ im Jahr 2000 in See stach. „Stabil ist sie durchaus, nur wenn der Wind von hinten kommt, wird es ungemütlich. Dann fuhren wir zickzack.“ Seine Reise bis New York dauerte – mit 25 Stationen – 110 Tage, und sie wurde zu einem Triumphzug. „In Kanada begrüßte uns eine Abordnung von Indianern“, erinnert sich der heute 46-Jährige, der dort natürlich den Begriff „Skraelinger“ höflichst mied, „und der Häuptling hieß uns willkommen. Beim letzten Mal waren wir nicht so freundlich zu euch – sagte er – aber ihr auch nicht zu uns!“
Martin Amanshauser, "Logbuch Welt", 52 Reiseziele, www.amanshauser.at
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