Hörnum auf Sylt war einmal so etwas wie das Ende der Welt – inzwischen ist der Südzipfel, einst verschlafenster Teil der Partyinsel, einer der schicksten und innovativsten Orte auf Sylt geworden.
Guadeloupe wirbt mit seiner Schmetterlingsform, Madagaskar verkauft sich als Schokoriegel, die Nordseeinsel Sylt nahe der dänischen Grenze hat die Form eines nicht ganz exakt kalligrafierten und zudem nach links umgestürzten Buchstaben T. Zwar fragt sich, wie das PR-technisch verwertbar ist, unbestritten ist allerdings die Besonderheit dieser Silhouette: zwei dünne Insektenarme und ein bulliger Rumpf, der das Gebilde via Hinderburgdamm seit 1927 mit dem nordfriesischen Festland verbindet.
Die größte nordfriesische Insel existiert erst seit einem halben Jahrtausend – noch im Mittelalter konnte man die Scholle bei Niedrigwasser trockenen Fußes erreichen. Erst eine Sturmflut im Jahr 1362, die zehntausende Tote forderte, ließ ihre seltsame T-Form entstehen, und bildete die Voraussetzung für eine Landschaft, die von ihren Bewohnern eigensinnig gegen Erosion, unberechenbare Fluten und architektonische Monsterprojekte verteidigt wird. Sommerbesucher ahnen wenig von diesen Kämpfen, Sylt gilt nicht nur wegen seiner beiden Meerseiten, des ruhigen Wattenmeers und der raueren Nordsee, als „Deutschlands geheime Riviera“ („Times“). Westerland, der Hauptort mit dem außergewöhnlichen Rathaus und der hässlichen Promenadenarchitektur, wird schon seit dem vorletzten Jahrhundert als Seebad und Kurort besucht.
Sylts Bewohner kämpfen hartnäckig gegen den totalen Ausverkauf und die Errichtung von Bettenburgen, teilweise sogar mit Erfolg. Das Rantum-Becken mit seinem einzigartigen Vogelschutzgebiet stand noch in den Sechzigerjahren als Standort für eine Mülldeponie, als Sportflugplatz und als Gemüsefeld zur Debatte. Oder nehmen wir den Südzipfel mit dem Dorf Hörnum, einst nur wegen seines Leuchtturms aus dem Jahr 1907 bekannt.
Der sollte die Seefahrtschneise zwischen Sylt und der Insel Amrum sicherer machen, wo Schiffe gelegentlich auf Sandbänke liefen. Der 34 Meter hohe Turm aus Stahlbeton und Gussstahl mit dem Gewicht von 92 Tonnen wurde immer der neuesten Technik angepasst. Zwei 250-Watt-Birnen bündeln den Lichtstrahl über Parabolspiegel und machen ihn fast 40 Kilometer rundum sichtbar. Wo früher der Leuchtturmwärter geherrscht hat, funktioniert heute alles ferngesteuert – der Hörnumer Leuchtturm ist wie vier weitere Leuchttürme auf Sylt ständig in Betrieb.
Zwischen 1918 und 1933 diente der erste Stock
des Leuchtturms als Schule für die Kinder der 21 Ansässigen – der Lehrer kam per Fahrrad aus Keitum, später mit der Dieselbahn. Die Hörnumer Dorf-Homepage spricht von der kleinsten Schule Deutschlands, aber der einzigen, in der die Kinder „Unterricht mit Meeresblick“ genossen haben – stimmt allerdings nur, wenn sie bereits an die zwei Meter groß waren, um durch die Bullaugen zu blicken. Mit der Bevölkerungszunahme übersiedelte der Schulbetrieb. Heute schließen im eigens eingerichteten Trauzimmer Ja-willige Menschen 180-mal jährlich den Bund fürs Leben, vor den Regionalfahnen, gemeinsam mit Pfarrer, Leuchtturmführer und maximal sieben Freunden. Leute mit Herzschrittmacher und Kinder unter acht Jahren dürfen nicht rauf. Und ab Windstärke sechs platzt die ganze Hochzeit.
Der Blick vom Stahlbalkon reicht über die Südspitze Sylts, die Hörnum Odde. Bis in die 70er-Jahre wurde hier Sand angelagert, heute knabbert das Meer wieder Landstücke weg, den Spaziergang um die Odde, der früher etwa fünf Stunden gedauert hat, schafft man heute in fünfzig Minuten. „Der blanke Hans hat sich Land geholt“, sagen die Einheimischen. Als „blanker Hans“ wird die oft tobende, schäumende Nordsee bezeichnet. Über die Wanderdünen, die den Hausbau einst zur Lotterie gemacht haben, wuchern inzwischen Heidepflanzen mit Namen wie Strandhafer und Sandroggen. Die 3000 bis 8000 Jahre alten Formationen bleiben durch den Bewuchs stabil, außer, es käme bei einer Sturmflut zu einem Dünendurchbruch. Dann stünde die Nordsee plötzlich auf der Straße.
High-End-Klientel. Hörnum mit seiner reizvollen Landschaft zwischen Dünen und Odde ist allerdings erst seit Kurzem so prächtig. Lange hinkte das Örtchen den attraktiven Strandkorbdestinationen der Insel mit ihrem sommerlichen Promitreiben um Meilen nach, Karl Dall verkündete in den 90er-Jahren sogar: „Hörnum ist die DDR von Sylt!“ Das bezog sich auf die Pidder-Lüng-Kaserne, aus dem Seefliegerhorst des Zweiten Weltkriegs hervorgegangen. Sie wurde 1994 abgerissen, aber lange fand sich niemand, der die kontaminierte Fläche retten wollte. Die Unternehmerin Claudia Ebert wagte es dann doch. Sie ließ einen Golfplatz errichten, den einzigen echten Links-Course des Landes, und 2009 eröffnete sie daneben das Hotel Budersand. Und sie schaffte es sogar, die skeptischen Sylter von ihrem Projekt, „der Insel ein Stück Natur zurückzugeben“, zu überzeugen. Auch die Kultur kommt nicht zu kurz: Die Literaturpäpstin Elke Heidenreich hat eine schöne, ein bisschen deutsche
Bibliothek mit über 1200 Bänden kuratiert, aus der zu Frau Eberts Befremden bereits im ersten Jahr 75 Bücher verschwunden sind, und das Spitzenrestaurant „Kai 3“ erhebt den Anspruch darauf, das beste Restaurant der Insel zu werden. Das Budersand ist eines der wenigen Großprojekte, die bei der eingesessenen Sylter Bevölkerung auf Zustimmung stoßen – es bringt Arbeitsplätze und fischt aufgrund der High-End-Klientel den einheimischen Zimmeranbietern kein Publikum weg.
Drei Minuten Fußmarsch sind es im Örtchen zu Fisch Matthiesen – wer Fischsuppe und Fischbrötchen mag oder Labskaus, gepökeltes und gekochtes Rindfleisch mit Roten Rüben, Zwiebeln und Matjes, garniert mit Spiegeleiern, ist hier gut aufgehoben. Der junge Matthiesen steht selbst hinter dem Tresen, er hat den Laden, obwohl er eigentlich Gärtner werden wollte, von seinen Eltern übernommen: „Manchmal laufen die Dinge im Leben anders als man gedacht hat“, schmunzelt er. Er selbst empfindet sich „jetzt fast schon“ als Sylter, er lebt hier seit seiner Geburt, aber „erst in der zweiten Generation. Der echte Sylter legt Wert darauf, fünf bis sechs Generationen zurückverfolgen zu können. Das schaffe ich leider nicht.“
Matthiesen junior betreibt auch eine Bude am Hafen, nicht weit vom klassischen Crêpes-Stand, Treffpunkt von Joggern und Badegästen. „Im Sommer ist extrem viel los“, sagt Matthiesen, „aber das soll ja auch so sein.“
Sein Konkurrent gegenüber ist eine weitere Fischbude, die oft geschlossen hat, aber immerhin ihre Öffnungszeiten angibt: „Wir öffnen meist um 9 oder 10 Uhr, manchmal schon um 7 Uhr, aber dann wieder mal erst um 12 oder 13 Uhr. Wir schließen um 17.30 oder 18 Uhr, aber dann wieder erst um 23 Uhr oder Mitternacht. Manche Tage oder Nachmittage sind wir überhaupt nicht hier, aber in letzter Zeit sind wir fast immer hier, außer, wenn wir woanders sind, aber dann sollten wir eigentlich auch hier sein.“ Ist ja auch eine Art von Humor, wenngleich der seriöse Matthiesen da sicher nicht prustend loswiehert.
Vom Hafen aus legen die Boote zu den Seehundbänken Knobsand und Jungnamensand in Richtung Amrun ab. An dieser Stelle werden auch Exemplare der seltenen Kegelrobbe geboren, von der es im Wattenmeer kaum noch hundert Stück gibt. Manchmal treiben Junge an die Strände von Sylt und Amrun. Die Einheimischen sind angehalten, den Naturschutz zu verständigen, denn oft werden die Jungen von den Müttern halbe Tage lang allein gelassen. Kommt die Mutter gar nicht mehr, entwickeln sie sich zu „Heulern“ und schaffen es im Idealfall in eine der Seehundstationen zur Aufpäppelung.
Hörnum hat beides, die Nordseeküste und das Wattenmeer, das man in Ebbezeiten als Spaziergänger bewandern kann – mit ortskundigen Führern. Denn immer wieder fällt plötzlich Nebel ein, in dem sich Spaziergeher verirren. Hier droht eher als der Ertrinkungstod jener des Erfrierens. Wer einen Vorgeschmack auf Letzteres haben will, kann im Winter auch Eis baden, ein Sport, der als gesund gilt. Erst diesen März verschwand dabei eine erfahrene Eisbaderin, von der nur die säuberlich zusammengelegte Kleidung übrig blieb. Im Sommer, wenn die Partycrowd die Strände mit den Körben unsicher macht, ist der Schrecken der kalten Jahreszeit wie weggeblasen – von den wilden Winden der rauen Nordsee.
Der Partywahnsinn ist nahe. Jeder, der von Sylt spricht, erwähnt die Luxusbretterbude „Sansibar“ zwischen Hörnum und Rantum. Die Mischung aus Weinimperium, Lifestylelabel und Alpenhütte gilt seit dreißig Jahren als berühmtester Promitreff auf Deutschlands Inselwelt. Gottschalk, Bohlen und Becker sind allgegenwärtig, weil sie ja nur einen Sprung aus dem In-Städtchen Kampen hinüberhüpfen müssen. Die Ur-Sylter hingegen meiden den Ort. Der junge Matthiesen erzählt, er selbst sei das letzte Mal vor zehn Jahren in der „Sansibar“ gewesen, „an meinem letzten runden Geburtstag“. Dabei schmunzelt er. Nicht, dass ihm die „Sansibar“ nicht gefiele, es ist nur so, dass sie monatelang im Voraus ausgebucht ist. „Die tollsten Autos stehen vor dem Eingang“, fasst Matthiesen zusammen, eine Tatsache, die ihn deutlich mehr beeindruckt als deren Besitzer. „Wer die allerneuesten Modelle sehen will, ist da am richtigen Ort, die kommen unweigerlich als Erstes zu uns nach Sylt!“ Und jetzt schmunzelt er wieder.
Lokale:
Kai 3 im Budersand, Spitzenküche und Bioanbau, nur abends, Am Kai 3, Hörnum
Sansibar, Szenerestaurant mit bodenständiger Küche, Weinspezialist, lange Vorreservierungen, www.sansibar.de, Hörnumer Straße 80, Rantum
Fisch Matthiesen, Fischladen und Bistro mit großartiger Küche bis 18 Uhr, Rantumer Straße 8, Hörnum
Sylt-Crêpes, seit 25 Jahren eine Institution, 30 Sorten von Amaretto über Zimt bis Käse, Hörnumer Promenade.
Ausflüge:
Sylt-Südspitzenwanderung und Leuchtturmbesichtigung: www.hoernum.de
Von Hörnum verkehren im Sommer täglich Schiffe nach Amrum, Föhr, Dänemark und zu den Robbenbänken