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Morgenglosse

Ederer-Tausender: Wer hat das letzte Wort?

1000 Schilling im Monat würde der EU-Beitritt den Österreichern bringen, soll Brigitte Ederer kurz vor Jahreswechsel 1994/95 gesagt haben. Eine Lüge? Ja. Aber nicht dort, wo man sie erwarten würde.

28. Dezember 1994: Pressekonferenz der Arbeiterkammer (AK). Am Podium: EU-Staatssekretärin Brigitte Ederer und AK-Konsumentenschützerin Johanna Ettl. Nur noch drei Tage, dann ist es soweit: Österreich tritt der Europäischen Union bei. Die beiden Expertinnen erklären vor versammelter Presse, was die Österreicher vom Beitritt haben werden. Als die Pressekonferenz endet, tritt einer der Journalisten an die beiden Damen mit der Frage heran, wie viel man sich denn genau ersparen werde...

Kurz darauf macht der „Ederer-Tausender“ Schlagzeilen. Der EU-Beitritt werde einer vierköpfigen Familie 1000 Schilling im Monat bringen, zitieren alle Medien die Staatssekretärin, die Nation jubelt. Die Freude währt nicht lang: Kurz nach dem Beitritt muss die Regierung das Budget sanieren und Gebühren erhöhen. So ging der „Ederer-Tausender“ als Synonym für lügende Politiker in die österreichische Polit-Geschichte ein.

Doch die Geschichte kennt kein letztes Wort, wusste schon Willy Brandt, deutscher Ex-Kanzler und Kreisky-Vertrauter. 25 Jahre später wissen auch wir: Der Tausender war eine Untertreibung. Ohne EU-Beitritt hätte Österreich laut dem Wirtschaftsforschungsinstitut Wifo eine halbe Million weniger Arbeitsplätze, die reale Wirtschaftsleistung Österreichs wäre um 16 Prozent niedriger, die Preise um 2,4 Prozent höher. So kann Ederer erleichtert aufatmen, die Geschichte hat ihr recht gegeben. Nun, könnte sie. Wenn die Aussage tatsächlich von ihr stammen würde. Denn in Wirklichkeit war es die AK-Mitarbeiterin Ettl, die das behauptet hat. Doch der Journalist hat es Ederer in den Mund gelegt – und der Geschichte ihren Lauf gegeben.