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Gefangen in der Herrlichkeit Wiens

Wien
Wien gilt als eine der lebenswertesten Städte der Welt. Das muss aber für den Einzelnen nicht allzu viel bedeuten.Clemens Fabry

Wien weist bekanntermaßen eine sehr hohe Lebensqualität auf. Na dann ist ja alles bestens.

Dass sich in Österreich in wirtschaftlicher, kultureller und gesellschaftlicher Hinsicht fast alles in Wien abspielt, hat natürlich seine Vorteile. Kann aber auch zum Problem werden. Denn was, wenn es einem hier aus persönlichen Gründen nicht mehr gefällt? Wenn man keine Freude am Wiener Stadtleben hat? Warum auch immer. Geschmäcker sind schließlich verschieden. Welche Möglichkeiten gibt es dann noch innerhalb Österreichs?

In den meisten anderen europäischen Ländern sind die Umstände ja anders. In Deutschland zum Beispiel. Dort ist nicht alles auf die Hauptstadt, Berlin, beschränkt. Es gibt ein Medienzentrum in München und Köln, ein Finanzzentrum in Frankfurt und ein Justizzentrum in Karlsruhe. Darüber hinaus die Hafenstadt Hamburg und weitere Großstädte wie etwa Stuttgart, Dortmund und Düsseldorf, die diese Bezeichnung auch verdienen.

Mit der Folge, dass sich in all diesen Städten eine umfassende Infrastruktur auf diversen Ebenen entwickelt hat – mit guten Jobs in vielen Branchen. Der Luxus, innerhalb eines Landes in mehreren ebenbürtigen Städten leben und arbeiten zu können, ist nicht zu unterschätzen.

Nun heißt das natürlich nicht, dass es in Graz, Linz, Salzburg und Innsbruck keine Karriereaussichten gibt, aber die Tausenden Binnenmigranten, die jedes Jahr nach Wien ziehen, weil sie in ihren Heimatstädten an ihre beruflichen Grenzen stoßen, wissen genau, was gemeint ist. Wahrscheinlich ist Österreich einfach zu klein für mehrere größere Städte (obwohl die Schweiz ein Gegenbeispiel ist).

Ist ja auch kein Vorwurf. Sondern lediglich die Zur-Kenntnisnahme der Tatsache, dass man Wien auf Gedeih und Verderb ausgeliefert ist, wenn man etwa im Wirtschaftsprüfungs-, Banken- oder Kommunikations- bzw. PR-Sektor arbeitet. Oder im Kunst- und Kulturbereich.

Natürlich ist es eine Option, nach Deutschland zu ziehen. Oder in ein anderes EU-Land. Oder in die Vorstadt – und zu pendeln. Oder an der inneren Einstellung zu arbeiten und seine Wertigkeiten zu überdenken. Aber so einfach ist das alles ja auch nicht. Und ein bisschen Weltschmerz wird wohl noch erlaubt sein. Immerhin ist Wien nicht nur die Stadt mit der höchsten Lebensqualität, sondern auch die Welthauptstadt der Grantler. Falls es dafür noch einen Beweis gebraucht hat . . .

(Die Presse)