Nachruf Hans Dichand: Ein Herz und eine Krone

Nachruf Hans Dichand Herz
(c) AP (Ronald Zak)

Der Zeitungszar von Heiligenstadt machte aus einem Kleinformat das Leitmedium Österreichs.

Es war Hans Dichands größte Stunde. Am 26. Juni 2008 langte beim Herausgeber der „Kronen-Zeitung" ein Leserbrief ein. Hans Dichand, der alte Zeitungsfuchs, feuerte das Projektil tags darauf ab. Und es explodierte wunschgemäß: „Getroffen, versenkt!"

In dem Leserbrief teilte der amtierende Bundeskanzler gemeinsam mit seinem Verkehrsminister der Öffentlichkeit mit, dass die Europapartei SPÖ künftig über neue EU-Verträge eine Volksabstimmung durchführen lassen wolle. Die brüske Kehrtwendung - erzwungen durch eine monatelange Kampagne der „Krone" - löste beim Koalitionspartner ÖVP den Ruf nach sofortigen Neuwahlen aus. Sie verlor, der SPÖ-Verkehrsminister war neuer Kanzler. Der bisherige war schon zehn Tage nach diesem ominösen Brief über Bord gesprungen.

Hans Dichand war der eigentliche Regierungschef. Zumindest hat er sich seinen Wunsch-Bundeskanzler herbeigeschrieben. Heute Donnerstag ist er im Alter von 88 Jahren nach längerer Krankheit gestorben. Eine österreichische Karriere ohne Beispiel ist zu Ende.

Ein Goldgriff für 170.000 Schilling

Im November 1958 fuhr bei Franz Geyer in Hohenlehen im Ybbstal ein Auto vor. Der Schwiegersohn des „Krone"-Gründers Gustav Davis war Inhaber der Titelrechte an dem legendären Kleinformat, das 1900 gegründet und 1944 eingestellt worden war. Seine überraschenden Besucher: Hans Dichand (36), der als „Kurier"-Chefredakteur gerade gekündigt und seine Abfertigung kassiert hatte, und Friedrich Dragon (28), sein Blattmacher.

Geyer gab sich reserviert, es hatten sich schon mehrere Verlagshäuser um eine Wiederbelebung der „Krone" beworben. Er verlangte 600.000 Schilling für den Titel. Worauf Dichand ins Sakko griff und seine Abfertigung auf den Tisch legte: 90.000 Schilling - „so viel kann ich riskieren, mehr nicht." Bei 170.000 Schilling wurden die Herren handelseins, die fehlenden 80.000 Schilling borgte Rolf Gürtler, Eigentümer des „Sacher".

Den Titel hatte Dichand nun. Das Geld für den Aufbau einer Tageszeitung aber nicht. So kam es zu einem Treffen mit dem neuen SP-Chef Bruno Pittermann im Cafe Resch in der Schönbrunner Straße. Rechtsanwalt Christian Broda war auch da. Und ÖGB-Vizepräsident Franz Olah, Klubobmann der sozialistischen Parlamentarier.

Olah zieht die Fäden

Der SPÖ-Spitze war die Sache dann doch zu riskant, Olah hingegen, der vor seiner Wahl zum Gewerkschaftschef stand, handelte. Wenige Tage später rief er Dichand an: Er habe einen KZ-Kameraden an der Hand, jetzt Großkaufmann in Frankfurt, der die geschätzten zehn Millionen Schilling Startkapital vorstrecken würde. Den Namen wollte er noch nicht nennen, er handle vorläufig in seiner Vertretung, sagte Olah. Und für die kaufmännische Seite des Abenteuers nannte er auch gleich einen befähigten 25-Jährigen: Kurt Falk, der sich bei Persil erste Sporen verdiene, Sohn eines Bauarbeiter- Gewerkschafters, dem Olah bis zu dessen Tod freundschaftlich verbunden blieb.

Das Treffen Dichand-Falk fand bei der „SW-Möbelaktion" in der Thaliastraße statt, deren Chef Josef Las von der Bau- und Holzarbeitergewerkschaft war. So blieb alles diskret. Auch den geheimnisvollen Geldgeber nannte Olah nun: Ferdinand Karpik. Doch der wolle in keiner Weise aufscheinen. Man erledigte es über Treuhandverträge.

Zu Falks Überraschung brachte Karpik das Kapital aber nicht selbst ein, sondern die Zentralsparkasse der Gemeinde Wien sollte es mittels Kredit einschießen. Als Sicherstellung dienten ÖGB-Sparbücher, was Olah veranlasst hatte.

Unterschlupf bei Moldens „Presse"

Die Journalisten Franz Endler, Ludwig Derka, Michael Kuhn, Hans Weigel, Ernst Trost, Dolores Bauer, Hedi Schulz, Josef Zoderer - und natürlich Friedrich Dragon waren die Pioniere. Bei Fritz Molden kam man in den Dachkammern des Verlagshauses am Fleischmarkt unter. Viel Platz brauchte die Redaktion ja nicht - 16 Leute waren es zum Beginn. Molden („Express", „Die Presse", „Wochenpresse") bot auch den Druck in seinem Haus an. Allerdings gegen eine Kaution von einer halben Million Schilling, als Abfertigung für seine Druckereiarbeiter, für den Fall der Fälle . . .

Am Abend des 10. April 1959 war die erste Nummer fertig. Sie kostete einen Schilling. „Mit dem Volk für das Volk", formulierte Dichand auf Seite 9, und: „Eine Zeitung mit Herz". Der „Herr Adabei" war wieder da, das „Kleine Bezirksgericht", g'schmackige Prozessberichte, das Horoskop.

Ein paar Tage verkaufte sich das Kleinformat mit dem Fraktur-Titelkopf gut, dann fiel der Absatz auf 22.000 Stück - und dort grundelte er ein ganzes Jahr. Außer der SW-Möbelaktion des Herrn Las wollte kein Mensch dort inserieren, „wir nahmen Gratisinserate, um den Schein einer Anzeigenseite zu wahren", erinnerte sich Falk. Der Startkredit war verbraucht, die Schulden wuchsen.

Aufwärts ging es erst ab 1961 mit der Weigerung der Trafikanten, weiter sonntags offenzuhalten. Eine Katastrophe für alle Tageszeitungen, die damals noch sonntags erschienen (dafür montags nicht). Falk bastelte aus Karton eine Selbstbedienungstasche und ließ in einer Schlosserei 300 Verkaufsgeräte anfertigen. Doch die Belieferung der Geräte funktionierte erst mit der Zeit. Es war dennoch eine völlig neue Idee.

Trotz wahren Prozesslawinen wuchs die Sonntags-Auflage aufs Dreifache der Wochentags- Zahlen. Mit Preisausschreiben jagte Falk die Leserzahl hinauf. Im Frühjahr 1968 wurde der „Kurier" überholt. Für die Medienbranche waren die von Falk initiierten Gewinnspiele der „Krone", bei denen man unter anderem ein Millionen-Haus gewinnen konnte, völliges Neuland.

Die SPÖ will zugreifen

Jetzt wurde das „Blatt'l" für die SPÖ interessant. 1963 fand der Kontrollobmann des ÖGB, Fritz Klenner, Ungereimtheiten in der Buchhaltung der Bawag, der allzu machtbewusste Franz Olah, inzwischen Innenminister, wurde gestürzt - unter kräftiger Mithilfe durch Olahs Erzfeind, Christian Broda. Die SPÖ erlebte ihre schwerste innerparteiliche Krise.

Doch Brodas versuchter Zugriff auf die rentable „Krone" konnte abgeschmettert werden. Freilich erst nach einer Hausbesetzung, nach einem Streik und einer erregten Parlamentsdebatte über Methoden, die in einem Rechtsstaat eigentlich undenkbar sein sollten.

Die nächste Turbulenz - 1974. Es kam zum Krach zwischen Dichand und seinem Hälfte-Kompagnon Falk. Wegen Peanuts: Marketing-Experte Falk wollte ein sensationell billiges illustriertes Wochenmagazin probieren, Dichand eher ins lockende Feld der TV-Programmzeitschriften. Falk schied im Zorn, blieb aber Miteigentümer. 1987 kaufte ihm Dichand seine Hälfte um die damals gigantische Summe von 2,2 Milliarden Schilling ab. Auf einer Parkbank in der Tuchlauben besiegelte das dynamische Duo der österreichischen Medienszene die Scheidung.

Doch Dichand freute sich zu früh. Um das Geld aufzubringen, musste er die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung" (WAZ) ins Land lassen, die zunächst 45 Prozent übernahm, dann nochmals fünf Prozent. Seitdem tobte der Kampf um die Vorherrschaft über den Goldesel namens „Krone".

Unverständliche Entscheidungen des misstrauischen alten Mannes vergällten ihm das Leben. Seinen „Lebensmenschen" Friedrich Dragon jagte er ebenso plötzlich aus dem Haus wie den loyalen Sportchef Michael Kuhn und dessen Ehefrau. Ein Trost blieb ihm im hohen Alter seine tüchtige Schwiegertochter Eva, die wohl nun noch mehr Einfluss auf das Familienunternehmen „Krone" gewinnen wird. Dass der innenpolitische Ressortchef seit eineinhalb Jahren mit der Pressesprecherin des Bundeskanzlers Faymann verheiratet ist, mag als Zufall, aber als sehr glücklicher, gelten.

Ein schweres Erbe

Eva Dichand muss - gemeinsam mit ihrem Ehemann Christoph - ein erdrückendes Erbe antreten. Möglich, dass Hans Mahr aus Köln in die Heimat zurückkehrt, um das Management zu übernehmen - wie schon einmal vor Jahren. Die „Krone" belegt derzeit Platz 45 der hundert größten Tageszeitungen weltweit. Mit knapp drei Millionen Lesern bei einer Bevölkerungszahl von etwa acht Millionen ist die Zeitung somit - gemessen an der Einwohnerzahl - eine der stärksten, erfolgreichsten und auch der einflussreichsten Zeitungen der Welt. Und das war Hans Dichands Werk. Und nur seines.