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Morgenglosse

Auto, Kanal, Flughafen: Warum Erdoğan auf Prestigeprojekte setzt

Turkish President Recep Tayyip Erdogan on Friday unveiled prototypes of a domestically produced electric car. SUV and s
Recep Tayyip Erdoğan bei der Präsentation des türkischen Elektroautos.imago images/Depo Photos

Dem türkischen Präsidenten gelingt es mit seinen Großprojekten seit jeher, dem arg in Mitleidenschaft gezogenen Ego der Bevölkerung zu schmeicheln.

Wie sehr die Türkei unter dem Niedergang ihrer historischen Größe und dem damit verbundenen Bedeutungsverlust leidet, wird unter anderem daran deutlich, dass es im Türkischen für dieses schwermütige Gefühl der rückblickenden Melancholie sogar ein eigenes Wort gibt: „Hüzün". Dass die Türken keine Automarke ihr Eigen nennen können, kein Handy, Computer oder Getränk von Weltformat, während sie gleichzeitig die großen Marken anderer Länder produzieren, ist ihr wunder Punkt.

Genau hier setzt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan seit Beginn seiner Amtszeit an – und war damit bekanntermaßen ziemlich erfolgreich. Ob die dritte Bosporus-Brücke, der Präsidentenpalast in Ankara, der neue Flughafen in Istanbul oder die beiden aktuellen Projekte – ein Kanal, der das Marmarameer und das Schwarze Meer verbinden soll, sowie fünf neue Elektro-Autos „made in Turkey" – ein Hang zu Gigantomanie kommt an bei der Bevölkerung, die sich für ihr Land eine wichtigere Rolle auf der Weltbühne wünscht. Tatsächlich werden die zahlreichen Großprojekte der AKP-Regierung immer wieder als eines der Hauptwahlmotive genannt.

Umso wichtiger ist für Erdoğan die erfolgreiche Umsetzung seiner Pläne, wie er das beispielsweise bei der Errichtung des aus verschiedenen Gründen umstrittenen Istanbuler Flughafens in Rekordzeit und gegen viel Widerstand getan hat. Ein Scheitern kommt für ihn nicht infrage, weil es an seinem – mit viel Aufwand und durch die Unterstützung staatlicher Medien gepflegten – Siegerimage kratzen und seiner politischen Karriere ein jähes Ende bereiten könnte.

Sollte ihm jedenfalls die Herstellung eines eigenen Autos, das Prestigeprojekt schlechthin, tatsächlich gelingen, würde seine PR-Maschinerie alles daransetzen, diese Errungenschaft als Überwindung eines jahrzehntealten Komplexes darzustellen. Sitzt sie doch bis heute tief im kollektiven Gedächtnis, die Schmach mit der Marke „Devrim". So hieß das erste türkische Auto, das 1961 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, aber nach einer katastrophalen Präsentation (dem Wagen ging bei der Jungfernfahrt der Sprit aus, sodass der damalige Präsident umsteigen musste) und mangels Nachfrage bzw. Zulieferindustrie nie in Serienproduktion ging. Dabei hatte man sich nichts Geringeres als eine „Revolution" auf dem Automobilsektor erwartet. Das bedeutet nämlich „Devrim".