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Kritik

„Knives Out“: Die neue Lust am alten Krimi

Und wer ist jetzt der Mörder? Die verdächtigen Kinder und Kindeskinder des toten Patriarchen, gespielt unter anderem von Michael Shannon, Toni Collette, Chris Evans, Don Johnson, Jamie Lee Curtis.
Und wer ist jetzt der Mörder? Die verdächtigen Kinder und Kindeskinder des toten Patriarchen, gespielt unter anderem von Michael Shannon, Toni Collette, Chris Evans, Don Johnson, Jamie Lee Curtis.(c) Constantin Film

So modernisiert man ein Genre: Regisseur und Drehbuchautor Rian Johnson wandelt in „Knives Out“ auf den Spuren von Agatha Christie und Arthur Conan Doyle.

In einem ausladenden Herrenhaus steht eine thronartige Sitzgelegenheit. Wer auch immer darauf Platz nimmt, dessen Kopf befindet sich exakt in der Mitte eines hinter dem Möbel angebrachten Messerkranzes, dessen Spitzen allesamt auf den Thronsitzer gerichtet sind. Harlan (großartig: Christopher Plummer), schwerreicher Verfasser von Kriminalliteratur und Patriarch der Thrombley-Familie, sitzt dort nicht mehr. Nach einem Fest zu seinem 85. Geburtstag findet ihn die Haushälterin mit durchgeschnittener Kehle auf, die Polizei tippt anfänglich auf Selbstmord. Lediglich der von einem Anonymus beauftragte, Tweed und Zigarren liebende Detektiv Benoit Blanc (als schrulliger Poirot-Wiedergänger: Daniel Craig) ist sich sicher, dass eine der zum Tatzeitpunkt im Haus befindlichen Personen Harlan Thrombley um die Ecke gebracht hat.

Damit ist jene klassische Situation etabliert, die das Krimi-Subgenre des Whodunit (in etwa: Wer hat's getan?), das mit Werken von Arthur Conan Doyle und Agatha Christie künstlerische und kommerzielle Höhepunkte feiern konnte, seit jeher prägt. Wie viele der Klassiker nutzt auch „Knives Out“ die grundlegende Mechanik eines solchen Stoffs mit all seinen falschen und richtigen Fährten nicht zuletzt, um Misstrauen zu säen hinsichtlich der Figuren und ihrer Selbstinszenierungen, lehrt unter der Oberfläche zu stierln, bis die Wahrheit ans Licht kommt.

 

Oder war es doch die Pflegerin?

Regisseur Rian Johnson inszeniert nach seinem Ausflug ins Star Wars-Universum mit „Die letzten Jedi“ (2017) diesen deutlich bescheidener angelegten sowie selbstverfassten Originalstoff, für den er eine große Anzahl von namhaften Darstellern gewinnen konnte. Jamie Lee Curtis, Toni Collette und Michael Shannon geraten als Patriarchenkinder, die von dessen immensem Reichtum profitieren, schnell unter Verdacht, während Harlan Thrombleys Enkel entweder identitätspolitisches Ringelreihen zwischen links und rechts tanzen oder, wie der von Chris Evans gespielte Schnösel Ransom, in Egozentrik und Hedonismus versumpfen.

Eigentliche Hauptfigur des Krimi-Reigens ist aber ohnehin die Uruguay-stämmige Marta (fantastisch: Ana de Armas), Tochter einer illegalen Einwanderin sowie langjährige Pflegerin, Freundin und Vertrauensperson von Vater Thrombley und, laut Aussagen von dessen Hinterbliebenen, „wie ein Teil der Familie“. Deren zu Beginn irritierende Selbstlosigkeit bricht das schlaue Drehbuch recht früh auf (wie genau soll an dieser Stelle nicht verraten werden) und bereitet damit den Boden für ein hintergründiges Vexierspiel zu Klassismus und Rassismus in den USA der Gegenwart.

Doch die profund humanistische Botschaft ist nicht Seinszweck von „Knives Out“, auch kein aufdringlicher Zeitgeist-Brokat, sondern eben Subtext, altmodisch elegant verwoben mit dem dramaturgischen Krimi-Kern der Geschichte. Gerade weil Rian Johnson Form und Inhalt des klassischen Whodunit nicht hinterfragt, sondern modernisiert, gerade weil er keine der genretypisch überzeichneten Figuren ins Lächerliche, ins Parodistische kippen lässt und gerade weil er sich mit dieser sanft dahin rauschenden Krimikomödie gegen zeitgenössische Übertreibungskunst sperrt, funktioniert sein Film so gut, befriedigt die Auflösung, sitzt das Schlussbild.

Alles hier ist Understatement, von der unaufgeregten Visualisierung, welche die aufgeregte Geschichte immer komplimentiert, niemals überwältigt, über die exzellenten Schauspieler, die Johnson kontinuierlich als Ensemble dirigiert und keinem einzigen eine profane Schaubühne errichtet, hin zur unaufdringlichen Eleganz des Drehbuchs, dessen Feinheiten man erst nach wiederholter Filmsichtung zu schätzen lernen wird. Genau so modernisiert man ein Genre: Als Zuschauer darf und sollte man in diesem gemütlichen, neu bezogenen Ohrensessel versinken und gespannt darauf warten, wer am Ende auf dem Thron Platz nimmt, auf wen die blitzenden Messer ab dann gerichtet sein werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2019)