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Fahrbericht

Mercedes-AMG GLC 43: Eine Gattung, die Blüten treibt

AMG auf Schnee: Beeindruckende Traktion ist die hervorstechende Fahreigenschaft des GLC 43. Mit etwas Überredungskunst und ohne Wachen der Regelsysteme sind auch winterliche Drifts drin.
AMG auf Schnee: Beeindruckende Traktion ist die hervorstechende Fahreigenschaft des GLC 43. Mit etwas Überredungskunst und ohne Wachen der Regelsysteme sind auch winterliche Drifts drin.(c) Heidrun Henke
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Der SUV-Erfolg bringt Cuvées mit sich: Der Mercedes-AMG GLC 43 sucht den schnellen und schönen Abgang.

Soziales Phänomen SUV: In manch öffentlicher Wahrnehmung hat die Gattung den Ruf eines Trunkenbolds, den niemand in seiner Gasse sehen will. Nach Verkaufszahlen freilich ist sie das goldene Kalb der Autoindustrie. Nie wurden mehr SUVs gekauft als heute, und der Trend erweist sich als völlig ungebrochen.

Logische Folge: Was den einen eine Provokation, beschäftigt die anderen vor allem in der Produktion. Bei Mercedes hat man größte Mühe, die Nachfrage nach dem SUV-Bestseller des Hauses, dem GLC, zu stillen. Gebaut wird er derzeit in Bremen, in Peking (für den chinesischen Markt), als Notbehelf bei einem Auftragsfertiger in Finnland und ab 2022 auch im Stammwerk Sindelfingen. Alle größeren SUVs der Marke entstehen im US-Werk Tuscaloosa, der vierschrötige G kommt aus Graz.

 

Ein Trend, der Blüten treibt

Fest steht, dass der Boom auch fest Blüten treibt und Gewächse hervorbringt, die man noch vor zehn Jahren lachend abgetan hätte. Wie SUVs im Coupé-Zuschnitt, ausgerechnet. Oder als Sportwagen-Verschnitt. Das Mercedes-AMG GLC 43 Coupé vereint beide Sonderformen – ein Glücksfall für den Hersteller, der so zweifach an der Margenschraube drehen kann.

Das „Coupé“-Heck ist Geschmackssache.
Das „Coupé“-Heck ist Geschmackssache.(c) Heidrun Henke

Zunächst zur Karosserieform, für die der arg strapazierte Begriff des Coupés herhalten muss, und die als grundsätzlich höherpreisige Abgrenzung zum Normalo-GLC überraschend begehrt ist: Bald jedes vierte Exemplar der Baureihe wird solcherart ausgeliefert. Dass die jäh abfallende Dachlinie – um die geht es im Wesentlichen – bis 200 Liter Stauraum kostet, schreckt die Klientel offenbar nicht. Der ästhetische Mehrwert des Styling-Kniffs muss dagegen im Auge des Betrachters verbleiben.

Die zweite Steigerungsform des GLC lautet AMG. Die Performance-Submarke von Mercedes ist nachgefragt wie nie zuvor und fährt Margen von 15 Prozent ein, davon kann man im Mainstream-Geschäft nur träumen. Gegen die angebotenen V8-Haudraufs wirkt der GLC 43 recht zivil, er ist vor allem die einzige Option, einen Sechszylinder-Benziner unter die Haube des GLC zu bekommen. Darunter tut man es speziell in den USA ja nur sehr ungern.

Wie sinnvoll die Hochmotorisierung im SUV-Genre ist, muss ebenfalls Geschmackssache bleiben. Einen Sportwagen können auch die mittlerweile 390 PS des 3,0-Liter-Biturbo-V6 nicht herbeizaubern. Das hohe Gewicht und insbesondere der hohe Schwerpunkt erlauben einen nur etwas indirekten Kontakt zum Fahrgeschehen, weshalb vornehmlich die sogenannten Längsdynamik zum Tragen kommt: wie das Auto nach vorn spurtet, möglichst geradeaus. Dies durchaus ansprechend und mit stets beeindruckenden Traktionsreserven, egal auf welchem Untergrund, gern auch Schneefahrbahn. Für entschlossenen Vortrieb braucht es allerdings Drehzahl, anders als beim Diesel, der sein volles Drehmoment deutlich früher mobilisieren kann, was den Anforderungen des Alltags wohl näherkommt. Die Neungang-Automatik zieht es aus Gründen der Effizienz schnell in die höchste Stufe, was dann und wann einen Kick-down erfordert oder den Aufenthalt in einem der beiden Sport-Modi, wenn man den Dampfhammer ohne Ansprechverzögerung schwingen will.

Zur AMG-Folklore zählt neben reichlich Ausstattungs-Zierrat ein Rennstreckenpaket, das man gegen Gebühr aus dem Internet einspeisen kann. Auch dies eher für Menschen, die nicht sonderlich gebannt unter dem Eindruck des Klimawandels stehen.

MERCEDES-AMG GLC 43 4MATIC COUPÉ

Maße L/B/H 4731/1890/1600 mm. Radstand 2873 mm. Leergewicht (EU) 1875 kg. Ladevolumen 500–1400 Liter.

Motor V6-Zylinder-Otto-Turbo, 2996 ccm. Max. 287 kW (390 PS) bei 6100/min. Max. 520 Nm bei 2500-4500/min. 0–100 in 4,9 sec. Vmax 250 km/h. Testverbrauch 12,8 l/100 km. CO2: laut Norm 232 g/km.

Allradantrieb. Neungang-Automatik.

Preis ab 87.700 Euro.

Compliance-Hinweis:

Die Reisen zu Produktpräsentationen wurden von den Herstellern unterstützt. Testfahrzeuge wurden kostenfrei zur Verfügung gestellt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.01.2020)