Schnellauswahl
Bayern

Zwecks Garderobe in die Provinz

Mit mehreren internationalen Shopping-Awards ausgezeichnet: Modehaus Garhammer in Bayern.
Mit mehreren internationalen Shopping-Awards ausgezeichnet: Modehaus Garhammer in Bayern.(c) Garhammer

Ein kleiner Ort im hintersten Bayerischen Wald ist ein Luxus-Shoppingziel, auch für Österreicher. Garhammer verbindet dort Mode und Michelin-Stern-Gastronomie.

Ein Shopping-Wochenende spielt sich meist in Metropolen ab. Wien, Mailand, München, Paris, London oder Berlin sind da die gängigen Ziele. Aber Waldkirchen? Eine Kleinstadt gleich hinter der Grenze rechter Hand von Passau mit gut 10.000 Einwohnern im Landkreis Freyung-Grafenau umgeben von hügeligen Wiesen und dunklen Wäldern in einer dünn besiedelten Landschaft, die typisch ist für den unteren Bayerischen Wald?

Dass hier ein Modehaus steht mit 9000 Quadratmetern Verkaufsfläche, mit rund 500 Mitarbeitern und einem Sortiment, das so ziemlich alles umfasst, was in der Welt der Textilien Rang und Namen hat, das macht den unbedarften Besucher zunächst ratlos. Rein flächenmäßig ist Garhammer größer als Lodenfrey in München oder Galeries Lafayette in Berlin. Unter den zahlreichen Auszeichnungen sind der Titel Store of the Year und eine Nominierung für den World Retail Award. Ein moderner Bau mit großen Glasflächen, vier Etagen, elegant dekoriert, dazu ein Gourmetrestaurant im Dachgeschoß, eine Eisdiele und eine Kaffeebar, in den Abteilungen warten noch Verkostungstationen.

Das Modehaus Garhammer in Waldkirchen ist eine Institution und in der Region zwischen Passau und Furth im Wald so bekannt und populär wie Bärwurz und das Drachenstechen in Furth im Wald. Oberösterreich gehört zum Haupteinzugsgebiet, ebenso aus Salzburg oder Wien kommen etliche Kunden. Insgesamt hat Garhammer rund 10.000 österreichische Stammkunden, die ihre Card nutzen. Speziell für die auswärtigen arbeitet Garhammer mit Wellnesshotels zusammen, von denen es im Bayerischen Wald mittlerweile einige gibt. Da gehört es dazu, dass der Shoppingausflug mit einem Kurzurlaub verbunden wird. Das Shuttle vom Hotel nach Waldkirchen ist dann Teil des Service.

Personal Shopping

Gleich neben dem Eingang ist ein Tresen für die erste Beratung, sind die Abteilungen luftig arrangiert, dezent dekoriert und nach Marken aufgeteilt. Auch für eine Modeadresse der gehobenen Kategorie ist die Zahl der Mitarbeiter ungewöhnlich hoch, doch alles wirkt diskret und unaufdringlich. Zum Erfolgsrezept gehört, dass man nach Belieben allein durch die Etagen flanieren, sich aber auch ausführlich beraten lassen kann. Dieses Personal Shopping dürfte für manchen Neukunden eine Schlüsselerfahrung sein. Zwei Drittel der Kundschaft sind bei Garhammer weiblich. Er oder sie wird persönlich betreut, kann vorab schon die Konfektionsgröße und modischen Präferenzen angeben, aus denen die Mitarbeiter eine Vorauswahl treffen. Das Ganze kann mit einem individuellen Termin verbunden werden.

Der Effekt ist freilich nicht der, dass alles schneller gehen soll, sondern dass sich die Kunden wohlfühlen und auch länger bleiben. Hier ist es normal, dass man sich vier bis fünf Stunden im Haus aufhält, die Zeit mit Aussuchen und Anproben verbringt, dazwischen Kleinigkeiten verkostet, im Café Mocca einen Espresso trinkt oder sich im Lido Eiszeit ein italienisches Gelato gönnt. Die 18 Mitarbeiterinnen im hauseigenen Schneideratelier kümmern sich um Detailänderungen. Viele Details fügen sich zu einem Gesamterlebnis, einer Mischung aus Shopping und Freizeitaktivität.

Geht man davon aus, dass viele Kunden mehrstündige Anreisen hinter sich haben, dann ist auch das Restaurant im obersten Geschoß eine sinnvolle Einrichtung. Im firmeneigenen, mit Michelinstern dekorierten Restaurant Johanns, benannt nach dem Firmengründer Johann Garhammer, wird regionale Küche interpretiert. Das Restaurant mit seinem Küchenchef, Michael Simon Reis, mag symbolhaft für die Firmenphilosophie stehen. Es verknüpft regionales Bewusstsein mit internationaler Innovation. Reis selbst ist gebürtiger Waldkirchner, der davor im Steirereck in Wien gekocht hat.

Trotz des auch für internationale Maßstäbe bemerkenswerten Erfolgs ist Garhammer ein traditionsbewusstes Familienunternehmen geblieben. Begonnen hat die Geschichte mit der Gründung eines Kolonialwarenhandels durch Johann Garhammer 1896. Ein Jahr später kamen Textilwaren hinzu. 1928 hatte der Mode-Almanach, ein erstes Verkaufsprospekt, Premiere. In den Folgejahren wurde das Geschäft trotz der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und eines Großbrands während eines Umbaus 1987 kontinuierlich ausgebaut.

Keinen urbaneren Standort

Heute sind die Brüder Christoph und Johannes Huber Inhaber in der vierten Generation. Während Christoph Huber für Damenoberbekleidung und Young Fashion verantwortlich ist, hat Johannes Huber die Bereiche Herrenmode, Kinderabteilung, Schuhe und Wäsche über. Der Verlockung, sich andere, urbane Standorte zu suchen, haben die Besitzer ebenso widerstanden wie dem Ausbau des Onlinehandels. Sie setzen dagegen auf klassischen Direktverkauf und Service. Wichtig ist ihnen, dass die Kundenbeziehung möglichst lang ist. Deshalb deckt das Sortiment alle Altersklassen und fast alle Preisklassen von der Mitte bis ganz nach oben ab. Kinder bis zu 14 Jahren können sich die Zeit im Kids Club vertreiben, während der Rest der Familie im Kaufhaus unterwegs ist.

Waren die Kunden anfangs aus der Region, kamen bald die naheliegenden Städte Passau, Deggendorf, Straubing und Regensburg hinzu und sind es mittlerweile mehr als 3000 Kundenkarteninhaber. Dabei lebt das Unternehmen vor allem von Mundpropaganda. „Acht von zehn Neukunden, die ich anspreche, kommen aufgrund persönlicher Empfehlungen“, erzählt Johannes Huber. Es zieht auch viele Einzelhändler nach Waldkirchen, die herausfinden wollen, was an dem Phänomen dran ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2020)