Winterstimmung am Achensee.
Tirol

Achensee: Die frühe Entdeckung des Tiroler Meers

Der Achensee wirkt wie ein Fjord. Früh wurde er erschlossen – von einem Sänger-Botschafter. Gästen schätzen den sanften Wintertourismus.

Er sei der schönste Platz der Erde: Das sagte einer, der es wissen sollte, über den Achensee: Ludwig Rainer, der „Tiroler Popstar des 19. Jahrhunderts“, der die ganze Welt bereist, die Tiroler Volksmusik, das Jodeln und Zillertaler Geschäftstüchtigkeit bis nach Russland und in die USA exportiert hatte. Der sich schließlich hier niederließ und die internationale Hautevolee in das Tal lockte. Andere nennen den Achensee den Fjord der Alpen oder das Tiroler Meer, jedenfalls Kaiser Franz Joseph meinte: „Ich habe das schöne Tal gern gesehen . . . Sie haben einen schönen Ort hier . . .“ Und das aus dem Mund eines überzeugten Salzkammergutfans!

Von Jenbach sind es nur ein paar Kilometer bis zum flachen Südende des Süßwasserfjords Achensee, nach Pertisau oder Maurach, wo vor Kurzem als Aufputz sogar eine Art Atoll entstand, ein sogenannter erlebnisreich gebauter Wellnesstempel am Fuß des Rofangebirges. Im Sommer tuckert die Achensee-Dampfzahnradbahn die 380 Höhenmeter vom Inntal herauf, im Winter nimmt man sich vom Bahnhof am besten ein Taxi in dieses Tal der brennenden Steine – auch eine faszinierende Besonderheit dieses Gebirgszugs, die man neben beziehungsweise mit dem Tourismus vermarktet.

Maximilians Jagdrevier

Früher waren es die Fische, die das alpine Gewässer interessant und wertvoll gemacht hatten. Im Besitz der Kirche, die sich bereits vor 700 Jahren auf eine gefälschte Urkunde berief, um das Kloster Georgenberg mit den vielen Fischarten (noch heute sind es 17) gut versorgt zu wissen, pachtete es später der Adel. Kaiser Maximilian I., der „letzte Ritter“ (der, der sich auch in die Martinswand verirrt hatte) angelte und bejagte die Gegend – sein Lieblingshobby, dem allerdings seine große Liebe, seine Frau Maria, bei einem Jagdunfall zum Opfer fiel. Aber nicht nur die adelige Gesellschaft zog es in das Achental: Der Salztransport vom Inntal nach Bayern brachte mangels guter Straßen emsigen Schiffsverkehr auf den Achensee.

Manche schrecken vor nichts zurück: Silvesterschwimmen im Achensee ist Tradition.
Manche schrecken vor nichts zurück: Silvesterschwimmen im Achensee ist Tradition.(C) Achensee Tourismus.

Tiroler Csárdás

Seit vielen Jahren ist es vor allem der Tourismus, der den Achensee belebt. Der erwähnte Ludwig Rainer war einer der Hauptinitiatoren. Er bewies schon damals sein Marketinggenie, baute am schönsten Platz des Achensees, auf einer Halbinsel, ein prächtiges Hotel in die Landschaft, mit eigenem Bauernhof und Kaffeesalon direkt am Ufer. Sogar ein Kirchlein gönnte er sich und seinen Gästen, das als einziges heute noch steht.

Das abgebrannte, wiedererrichtete und schließlich veraltete Hotel wurde 2002 demoliert. Zu seiner Blütezeit aber kamen berühmte Künstler aus aller Welt, der Adel und alle, die es sich leisten konnten, um im Seehof die Luxusausstattung und die Musik- und Tanzunterhaltungen zu genießen. Rainer lobpreiste ein „Buffet mit feinsten Delikatessen, reinlich servierte Tische . . . Wände übersäet mit hübschen Farbdrucken, ein Billard und zierliche Schach- und Brettspiele“. Und begeistert zeigt man sich damals auch über den Schuhplattler, den die verblüfften Gäste „Tiroler Csárdás“ nannten. Eine akrobatische Einlage: Bei manchen Tänzen stützten sich die Burschen sogar auf die Schultern der Mädchen und stampften kopfüber in die hölzernen Zimmerdecken – eine nie gesehene Darbietung, die überall faszinierte und die man eigens in Stichen festgehalten hat. Und natürlich kam man hierher in den Seehof, um auch den Hausherrn selbst mit seiner Truppe, der Sängergesellschaft Rainer, zu erleben.

Reklame in Fantasietracht

Rainer und seinen Sängerreisen wird seit dem 200-Jahr-Rummel um das Lied „Stille Nacht“ vor zwei Jahren noch mehr Aufmerksamkeit gewidmet, zumal auch er das Lied in die Welt hinausbrachte. Über sein buntes Leben erfährt man viel im Heimatmuseum Sixenhof und in einem eben erschienenen Buch, „Ludwig Rainer, viel gereist und viel gesungen“, übrigens die Grabinschrift seiner Ruhestätte gleich neben dem Posthotel Achenkirch. Wie genial er sich zu vermarkten wusste, lässt – neben den vielen, alle älplerischen Klischees nützenden Plakaten und Fotos seiner Truppe in seltsamen „Tiroler“ Fantasietrachten – auch die Beschreibung seiner Hochzeit in St. Petersburg erahnen, wo er in einer Riesenveranstaltung 500 Gäste bewirtete: „Nur die Hochzeit des Zaren war prächtiger“, war man sich einig.

Ludwig Rainers Hotel hat keine Spuren hinterlassen, sehr wohl aber sein Gefühl für Luxus: Am Achensee gibt es besonders viele Häuser im Vier- oder Fünfsternebereich, die Wellness vom Feinsten bieten. Klein und lauschig sind sie nicht, aber Luxus wird von Küche bis Keller geboten – und viel Platz für alles, von wohnungsgroßen Zimmern, weitläufigen Eingangshallen und Bibliotheken und Sofaecken bis zu allen möglichen Saunen, Schwimmbecken (mitunter 25 Meter lang) mit Außenpools und mit lichten Panorama- bis schummrigen Ruheräumen.

Wie der Tourismus früh an den See kam, erfährt man im Heimatmuseum Sixenhof.
Wie der Tourismus früh an den See kam, erfährt man im Heimatmuseum Sixenhof.(c) Achensee Tourismus

Eiswassser und Steinöl

Und das ist das große Problem, wenn man am Achensee Urlaub macht, nämlich nicht, was tun, sondern – was nicht tun: Langlaufen, Ski fahren (die Pisten sind sehr familien- beziehungsweise kinderfreundlich und mit 30 Bergbahnen zu erobern), Schneeschuhstapfen, Kutschenfahrten. Allein zum Winterwandern gibt es in der Region 150 Kilometer Ruten – auch hier wird nicht an Größe und Weite gespart. Das füllt den Tag schon sehr winterlich aus. Dazu kommt die Möglichkeit zum Snowkiten oder Eisschwimmen – jeden Silvester etwa stürzen sich unglaublich viele Verrückte in den unfasslich kalten See, um einen künstlichen Eisberg zu umrunden. Etwas gemütlicher lässt sich der See schon bei einem Winterbrunch auf der MS Achensee durchqueren: Wer die verschiedenen Weihnachtsevents verpasst hat, kann ab Februar wieder zu einer Rundfahrt an Bord gehen. Wichtig ist rechtzeitiges Reservieren, die Fahrten sind sehr oft ausgebucht.

Oder man marschiert auf Schneeschuhen im Karwendel, mit rund 730 Quadratkilometern eines von Europas größten und ältesten Naturschutzgebieten. Bei geführten Winterwanderungen wird man von zwei Naturpark-Rangern begleitet, die einem die Augen für die vielen Geheimnisse des Waldes, der Bäume, der Gebirge und deren Bewohner öffnet. Man lernt wie ein Trapper jede Spur, jeden Verbiss zu deuten. Schwarze Punkte auf Schneefeldern weit weg werden durch das Fernrohr zu äsenden Gämsen, kreisende Punkte am Himmel zu Steinadlern, von denen es hier besonders viele gibt. 21 Steinadlerhorste hat man gezählt. Verschiedene Themen werden angeboten, Landschaft, Tiere, Wintererleben, aber wenn die Ranger ins Erzählen kommen, dann lernt man schnell von allem etwas.

Auch das Steinöl ist ein Thema hier am Achensee, und wenn man mehr darüber wissen will, besucht man das Steinölmuseum in Pertisau, wo man in informativen Stollen die Jahrmillionen alte Geschichte des Ölschiefers – der brennenden Steine – erleben kann. Dafür wird das Gestein zerkleinert, erhitzt und das Öl kondensiert, das nach einer Sage das Blut des Riesen Thyrsus ist. Der war bei einem blutigen Kampf seinem Riesenwidersacher unterlegen und in das Karwendel geflüchtet, wo er unter dem Ausruf „Spritz, Blut! Sei für Viech und Menschen gut!“ starb. Guttun soll dieses penetrant nach Teer und Schwefel riechende Öl jedenfalls bei allen möglichen Hautproblemen, bei Blutergüssen, als Zugsalbe und gegen Rheuma. Aber auch ohne diese Behandlungen ist ein Urlaub am Achensee sicher etwas, was guttut.

WINTER AM ACHENSEE

Wellness: im Atoll pritscheln, klettern, saunie- ren oder dinieren: www.atoll-achensee.com

Wandern mit Ranger: www.karwendel.org

Anschauen: Museum Sixenhof in Achenkirch, www.sixenhof.at; Steinölmuseum, www.stein-oel.at

Einkehren: Restaurant See-Eck in Achenkirch, www.seeeck.at; Kirchenwirt in Eben, www.kirchen-wirt-achensee.at

Schippern: Schiff-Brunches auf der MS Achensee: www.tirolschiffahrt.com

Infos: www.achensee.com

Compliance: Die Reise erfolgte auf Einladung von Achensee Tourismus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.01.2020)