"Krone"-Chef Hans Dichand: Der Tod eines Großen

eines Grossen Hans Dichand
(c) APA (Robert Jäger)

Mit Hans Dichand starb eine der prägenden Persönlichkeiten der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Sein Erbe ist nicht nur für Familie und Unternehmen ambivalent.

Dass Hans Dichand eine Ausnahmeerscheinung war, wissen seit Donnerstag auch die Regierungschefs der Europäischen Union. Während 26 von ihnen über Sanktionen für Länder, die den Stabilitätspakt nicht einhalten, verhandelten, verließ der österreichische Bundeskanzler Werner Faymann samt Entourage und ORF-Team das Brüsseler Ratsgebäude. Um eine Stellungnahme zum Tod des „Kronen Zeitung“-Hälfte-Eigentümers abzugeben. Die Einschätzung des Kanzlers ist absolut zutreffend: Dichand, sagte Faymann, habe Österreich geprägt wie kaum ein anderer. Genau das ist das Problem, und kaum jemand verkörpert es besser als der amtierende österreichische Bundeskanzler.

Die verlegerische und unternehmerische Lebensleistung Hans Dichands erzwingt geradezu Respekt und Bewunderung. Die Ziele, in deren Dienst er seine journalistische Leidenschaft stellte, vor allem aber die Methoden, auf die er zur Erreichung dieser Ziele zurückgriff, waren und bleiben höchst fragwürdig. Offensichtlich war seine journalistische Leidenschaft deutlich größer als sein journalistisches Ethos. Er unterdrückte Informationen, die seine Darstellung der Wirklichkeit infrage stellten, und übertrieb bewusst die Bedeutung von Fakten, die seinen Zwecken dienten.

Das tun andere auch. Ihre besonders niederschmetternde Wirkung erzielte Dichands Methode zuletzt aus zwei Gründen: Erstens hatte Dichand mit seiner Schwiegertochter Eva Dichand („Heute“) und dem „Österreich“-Eigentümer Wolfgang Fellner zwei Nachahmer, die seine Wirkung verstärkten. Und zweitens steht dieser Trias der skrupellosen Instrumentalisierung eine Generation von Politikern gegenüber, die nötigenfalls sogar höflich darum bitten würde, erpresst zu werden. Seit Jahren überschlagen sich das SPÖ-geführte Infrastrukturministerium und das ÖVP-geführte Landwirtschaftsministerium geradezu in der asymmetrischen Verteilung von Regierungsinseraten an „Krone“, „Heute“ und „Österreich“.

Dem Verstorbenen muss man zugutehalten, dass er so etwas wie ein außerökonomisches Programm im Sinn hatte: Es ging ihm wohl tatsächlich darum, „den Menschen“ das zu geben, von dem er spürte, dass sie es wollten und brauchten: Bestätigung.

Ausländer, EU, Ölmultis, Atomlobby: Der Bildersammler Dichand hatte ein Gespür auch für die in Ressentiment-Technik gemalten Bilder in den Köpfen der einfachen Leute. Und er übertrug sie in Millionenauflage auf Zeitungspapier.

Das tut der Boulevard überall auf der Welt, aber nirgendwo sonst mit dieser Verbreitung. Und es fehlen die Institutionen, die in funktionierenden Demokratien als Korrektiv fungieren können: eine Politik, die ihre Rahmensetzungskompetenz wahrnimmt, und öffentlich-rechtliche Medien, die sich im Gegenzug zur öffentlichen Finanzierung den Gesetzen des Boulevards ein Stück weit entziehen können. Es ist von einiger Symbolkraft, dass an dem Tag, an dem Hans Dichand starb, das österreichische Parlament ein neues ORF-Gesetz beschloss, mit dem sich die Politik gegen Überlassung von 160 Millionen Euro an ein erfolgloses Management den Zugriff auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk sicherte.


Eine Politik, die sich einerseits an den Boulevard ausliefert und andererseits den öffentlich-rechtlichen Rundfunk zur Erfüllungsanstalt parteipolitischer Bedürfnisse degradiert: Das ist die bestürzende österreichische Wirklichkeit. Hans Dichand war an ihrem Entstehen maßgeblich beteiligt, aber es wäre nicht nur aus Gründen der Pietät unangemessen, ihn als Person allein dafür verantwortlich zu machen. Die Hauptschuld fällt der Politik zu. Oft wird darüber geklagt, dass wir in Österreich einen Mangel an unabhängigen Medien hätten. Das ist, sieht man vom ORF ab, nicht wahr. Einen unabhängigeren Medieneigentümer als Hans Dichand kann man sich gar nicht vorstellen. Das Problem ist, dass wir keine unabhängige Politik haben.

Es werden in den nächsten Tagen heftige Spekulationen über die ökonomische und personelle Zukunft der „Kronen Zeitung“ und der „Mediaprint“ einsetzen. Zu Recht: Die Frage, wie sich diese europaweit einzigartige Situation des Medienmarktes weiterentwickelt, ist von allgemeiner Bedeutung. Das Innehalten davor sollte zunächst dem fairen Andenken einer wenn auch umstrittenen, so doch unbestritten großen Persönlichkeit und der Anteilnahme am persönlichen Leid der Familie gelten. Es wäre wichtig, in dieses Innehalten auch eine prinzipielle Reflexion der politisch-medialen Situation Österreichs einzubeziehen. Man kann sie ohne Übertreibung dramatisch nennen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.06.2010)