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Wort der Woche

Mikroplastik

Was passiert mit Mikroplastik in der Umwelt? Forscher konnten nun nachweisen, dass manche Mikroorganismen Kunststoff verdauen können. Das bedeutet aber keine Entwarnung.

Der Einstieg in den Ausstieg ist geschafft: Im Lauf des angebrochenen Jahres werden Plastiksackerln aus unserem Leben verschwinden, ab nächstem Jahr dann EU-weit auch Plastikteller, -becher, -trinkhalme oder -wattestäbchen. Zwar handelt es sich dabei im globalen Maßstab nur um minimale Mengen, doch die Signalwirkung ist groß – auf Dauer werden auch die großen Plastik-Emittenten in Ostasien und Nordamerika umdenken müssen.

Plastikmüll zerfällt durch Umwelteinwirkungen mit der Zeit zu Partikeln, und diese sind mittlerweile allgegenwärtig – in Wasser, Böden und Gletschern genauso wie in Meerestieren und im menschlichen Stuhl. Wie weit die Kontamination bereits reicht, zeigen zwei aktuelle Studien aus China: Bei der Untersuchung von Speisesalz und von Präparaten der Traditionellen Chinesischen Medizin (Pflanzen und Tiere) gab es keine einzige Probe, in der kein Mikroplastik gefunden wurde.

Die gesundheitlichen Folgen von Mikroplastik sind weiterhin unklar und umstritten – wobei sich in jüngster Zeit Hinweise auf schädliche Wirkungen z. B. auf die Struktur von Proteinen oder auf das Immunsystem häufen. Übertriebene Sorgen oder gar Panik seien allerdings nach jetzigem Wissensstand (noch) nicht angebracht, betonen viele Experten.

Wenig weiß man auch über das langfristige Verhalten von Mikroplastik in der Umwelt. Kunststoffe sind chemisch sehr stabil, sie können nur von wenigen Arten von Mikroorganismen angegriffen werden – folglich bleibt das Plastik Jahrzehnte bis Jahrhunderte erhalten. Die gute Nachricht dabei ist freilich: Auch wenn es lang dauert, so wird Plastik doch biologisch abgebaut, wie nun auch Forscher um Sami Taipale (Uni Jyväskylä) unter Beteiligung des Wasser-Clusters Lunz beweisen konnten: Sie haben Wasserproben aus Seen mit Polyethylen-Partikeln versetzt, die aus dem Kohlenstoff-Isotop C-13 hergestellt worden waren. Schon nach wenigen Tagen konnten diese Kohlenstoffatome in Zellmembranen von Algen und Daphnien (kleinen Krebstieren) nachgewiesen werden. Offenbar wurde das Mikroplastik von Mikroorganismen im Seewasser teilweise abgebaut und die Atome in die Nahrungskette eingeschleust (Scientific Reports, 27. 12. 2019).

Der Nachweis, dass die Natur mit Mikroplastik umgehen kann, bedeutet freilich keine Entwarnung. Denn Forscher stellten bereits mehrfach fest, dass sich größere Mikroplastikmengen im Wasser sehr nachteilig auf das Wachstum von Algen und Daphnien auswirken können.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist derzeit freier Wissenschaftsjournalist.

meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2020)