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Kritik

Judy Garland oder: Ewig lockt das Melodram großer Stars

Bestrickt: Renée Zellweger als J. Garland.
Bestrickt: Renée Zellweger als J. Garland.(c) EOne Germany
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Renée Zellweger begeistert in „Judy“ von Rupert Goold. Dessen Annäherung an den Niedergang eines All-American-Girl mit Persönlichkeit geriet eher schematisch. Dennoch berührt dieses Biopic.

„Kinder zu haben bedeutet, dass dein Herz ausgelagert ist“, klagt Judy Garland. Mit ihren zwei Sprösslingen ist sie nachts auf Herbergssuche. Im Luxushotel wird sie abgewiesen, bleibt nur die Rückkehr zum Ehemann Sidney Luft, der aber setzt sie unter Druck, sie sei als Mutter ungeeignet, sagt er, und er entzieht ihr die Kids. Garland muss Geld auftreiben, sie geht nach London, wo sie auf ein gnädiges Publikum hofft. Doch dieses erwartet für teure Tickets Kunst und Glamour – und Garland, zerrüttet von Alkohol und Pillen, hat Angst: Wird sie es noch einmal schaffen, ihre Fans zu bestricken?

Der Brite Rupert Goold, künstlerischer Leiter des ambitionierten Londoner Almeida Theatre, verfilmte unter dem Titel „Judy“ das tragische Ende eines Publikumslieblings in der Zeit, als die USA zu jener Größe aufstiegen, die sie nun zu verlieren drohen. Aus jedem Tellerwäscher könnte ein Millionär werden, so lautete das Versprechen, es galt auch für Einwanderer. Hollywood schuf die Mythen für den amerikanischen Traum. Und Judy Garland war eine seiner Repräsentantinnen. Als Frances Ethel Gumm wurde sie 1922 geboren, jüngste von drei Töchtern eines Kinobetreibers in Minnesota. 1932 zog die Familie nach Los Angeles, in der Hoffnung auf eine Karriere in der Filmindustrie. Und tatsächlich, Frances schaffte es. Als Judy Garland wurde sie nach vielversprechenden Anfängen als Dorothy mit dem Märchen „Der Zauberer von Oz“ (1939), das den Übergang vom Schwarzweiß- zum Farbfilm (Technicolor!) zelebrierte, weltberühmt.

 

Mädeln, Vamps und Filmpioniere

Im Landkind Dorothy, Gegenbild des ebenfalls beliebten Vamps, spiegelt sich Garlands eigene Geschichte wider, ein robustes Mädel sucht sein Glück und findet Freunde. Der Zauberer von Oz ist kein Magier, nur ein Gaukler. Für Dorothy gibt es ein Happy End. Judy Garland hingegen wird zum charismatischen Wrack. Dieses zeichnet Renée Zellweger brillant, der Golden Globe ist wohlverdient. Indes: Zellweger bringt in diese Rolle viel von ihrer eigenen Geschichte ein, ihre ewige Sehnsucht nach „Bridget Jones“, vom Typus her (wenngleich diese Figur Britin ist) auch so ein All-American-Girl von nebenan, das sich wie die pubertierende Judy mit seinem Gewicht und schwierigen Eroberungen herumschlägt. Letztlich hat Zellweger Garland mit ihrer Emotion überwuchert. Solches Leid bringt das Publikum zum Weinen. Auch weil in „Judy“ von den geläufigen Erfahrungen einer Frau erzählt wird, die Karriere, Erfolg und Glück nicht vereinen kann. Sie will alles und alles richtig machen, und scheitert – was Weiblein wie Männlein gleichermaßen trösten dürfte. Besonders, da die Geschichte im liebevoll restaurierten Museum Alt-Hollywoods stattfindet, von den grellbunten Studiokulissen über grausame Filmpioniere bis zum exquisiten Londoner Club.

Da fällt es kaum auf, dass zum 100. Mal die Story vom tristen Leben großer Stars aufgewärmt wird: Ein Evergreen. In diesem Genre war „Judy“ um Klassen besser als das ebenfalls gefeierte, aber eher ranzige Piaf-Biopic „La Vie en Rose“ (mit Marion Cotillard, die einen Oscar erhielt), aber bei Weitem nicht so faszinierend und erschütternd wie „A Star is Born“ (mit Lady Gaga), übrigens auch ein Filmtitel der Garland. Ob wir es noch erleben werden, dass Kino über die Entertainmentbranche, bei aller Romantik und Nostalgie, kantiger, wahrhaftiger und substanzieller wird? Wie zum Beispiel „Cabaret“ mit Garland-Tochter Liza Minnelli.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.01.2020)