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Demonstranten gegen den WDR bei den Protesten gegen das von einem Kinderchor gesungene Satire-Lied Meine Oma ist ne alte
Deutschland

„Oma ist 'ne alte Umweltsau“: Chronologie einer Empörung

Ein Kinderlied, das den Generationenkonflikt satirisch aufs Korn nehmen wollte, treibt Menschen auf die Straße und den WDR in eine Krise. Was ist da passiert? Ein Überblick.

Die „Umweltsau“-Debatte nahm ihren Ursprung fast unbeachtet im Radio. In der Bühnenshow „Satire Deluxe“, die am 9. November auf dem Radiosender WDR5 ausgestrahlt wurde, war eine Umdichtung des Kinderlieds „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ zu hören – und zwar im Kontext satirischer Überlegungen zu den Worten Greta Thunbergs beim Klimagipfel: „We will not let you get away with it. The eyes of all future generations are upon you.“ Bald würden Kinder die Klimasünden ihrer Eltern bei einer „Fridays for Future“-Hotline melden, witzelten die Satiriker und präsentierten das Lied als Beispiel für ein solches Denunzieren.

„Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, Motorrad, Motorrad. Das sind tausend Liter Super jeden Monat. Meine Oma ist ne alte Umweltsau“, beginnt das Lied. In weiteren Strophen brät sich die fiktive Oma billiges Discounterfleisch oder „fährt im SUV beim Arzt vor“ und „überfährt dabei zwei Opis im Rollator“.

Diese Version ist auf der WDR-Seite noch verfügbar (ab ca. Minute 36)

Auftritt des Kinderchors

Kurz nach Weihnachten veröffentlichte WDR 2 auf seiner Facebook-Seite dann ein Video, in dem der WDR Kinderchor Dortmund das Lied (ergänzt um eine weitere Strophe über Kreuzfahrten) singt. Am Ende des Videos bewegen die Chormädchen die Lippen bewegen zur Stimme von Greta Thunberg: "We will not let you get away with this".

In den sozialen Medien häuften sich schnell die kritischen Kommentare: Der Sender zeige keinerlei Respekt älteren Menschen gegenüber und instrumentalisiere Kinder, lautete der Tenor. Eine Auswertung des Social-Media-Analysten Luca Hammer deutet darauf hin, dass die Empörung auf Twitter vor allem von rechten und rechtsextremen Accounts angefacht wurde. Doch die Debatte erfasste auch viele andere.

Ein freier Mitarbeiter der Social-Media-Redaktion des WDR, Danny Hollek, teilte gegen die Kritiker des „Umweltsau“-Videos aus und heizte die mediale Empörung von rechten Gruppen damit weiter an. Er wurde mit Morddrohungen konfrontiert:

Der WDR rudert zurück

Wenig später löschte der WDR das Video wieder von der Facebook-Seite und erklärte: Man habe die "zuweilen hysterische Klimadiskussion" zuspitzen wollen. Die beteiligten Kinder seien absolut nicht instrumentalisiert worden – doch schon diese Mutmaßung sei „für die Redaktion unerträglich“. Stichwort „Instrumentalisierung“: Der Chorleiter erklärte in einem Statement, dass Kinder und Eltern freiwillig mitgemacht hätten. Zweck der Parodie: „Mit Überspitzung und Humor den Konflikt zwischen den Generationen aufs Korn nehmen.“

Am Abend des 28.12. strahlte WDR 2 eine Sondersendung aus, in der sich WDR-Intendant Tom Buhrow für das "Video mit dem verunglückten Oma-Lied" entschuldigte. Er rief dafür nach eigenen Angaben aus dem Krankenhaus an, wo sein 92-jähriger Vater liege. Dieser habe immer hart gearbeitet. "Er ist keine Umweltsau", so Buhrow. Auch WDR 2-Programmchef Jochen Rausch zeigte sich reumütig: Es sei ein Fehler gewesen, die „liebe Oma“ mit dem Wort Umweltsau in Verbindung zu bringen; man habe nicht mit der "nötigen sprachlichen Feinheit" gearbeitet.

Vom Netz auf die Straße

Die Empörung über das Video ebbte damit nicht ab, der Shitstorm im Netz fegte weiter über den WDR. Bald versammelten sich vor dem WDR-Gebäude in Köln Demonstranten, die laut Polizei der rechten Szene zuzuordnen sind. Die Proteste halten an, am vergangenen Wochenende gab es erneut Kundgebungen – und dabei auch Auseinandersetzungen zwischen links- und rechtsorientierten Demonstranten: Am Samstag, 3. Jänner, trafen Medienberichten zufolge ein paar Dutzend rechte Demonstranten auf ein Gegenbündnis von mehreren Hundert Personen, das auch vom Deutschen Journalisten-Verband unterstützt wurde. Es kam zu Tumulten, auch Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Verstoße gegen das Waffengesetz wurden gemeldet. Am Sonntag, 4. Jänner, kletterten Rechtsradikale auf das Dach des Funkhauses und entrollten ein großes Banner gegen „WDRliche Medienhetze“. Die Empörung über das „Umweltsau“-Video hat sich zu einer aggressiven Debatte entwickelt: Recht gegen links, Rundfunkkritiker gegen Verteidiger der Pressefreiheit.

WDR-Chef unter Druck

Auch WDR-intern hat die Debatte Wellen geschlagen: Die Redakteursvertretung kritisiert den Intendanten Tom Buhrow, weil sich dieser für das Lied entschuldigt hat. Im WDR-Intranet zeigte sie sich am 3. Jänner „irritiert über diese eklatante Verletzung der inneren Rundfunkfreiheit und das schlechte Krisenmanagement der Geschäftsleitung, das Kolleg*innen und Kollegen beschädigt und dem Ansehen des WDR zudem schadet“. Buhrow habe „einem offenbar von Rechtsextremen orchestrierten Shitstorm“ nachgegeben und sei seinen Redakteuren in den Rücken gefallen, „statt ihnen in Zeiten inszenierter Empörungswellen gegen den WDR (…) den Rücken zu stärken“. Für Dienstag, 7. Jänner, wurde eine Redakteursversammlung einberufen.

Buhrow argumentierte in einem Interview mit dem „Spiegel“, dass das „Umweltsau“-Video „nicht als Satire direkt erkennbar“ gewesen sei. An seiner Entschuldigung hielt er fest. Ja, es habe orchestrierte rechte Kritik am „Umweltsau“-Video gegeben – aber auch hunderte Senioren und Enkel, die sich tatsächlich angegriffen gefühlt haben. „Wir können doch nicht einfach so tun, als ob es nicht zählt, wenn sich ein großer Teil unseres Publikums zu Unrecht angegriffen fühlt. Soll ich denen sagen: Sie sitzen einer rechten Instrumentalisierung auf, und Ihre Gefühle sind deshalb irrelevant?“

TV-Autoren des WDR und anderer Sender drückten indessen ihre Solidarität mit den WDR-Redakteuren aus – und fordern de facto Buhrows Rücktritt: In einem offen Brief erklärten sie am 6. Jänner, Buhrow sei in eine Falle rechter Trolle getappt, die den Diskurs „hacken“ und einen künstlichen Skandal heraufbeschwören wollen. „Ein Medienmanager, dessen Umgang mit moderner, rechter Propaganda von so viel Naivität und Ungeschicktheit zeugt und nicht in der Lage ist, sich in einfachsten Fragen der Presse- und Meinungsfreiheit vor seine MitarbeiterInnen zu stellen, gefährdet eben diese Freiheiten. Er sollte die Konsequenzen ziehen." Der Brief wurde von 40 Fernsehautoren unterzeichnet, darunter welche vom "Neo Magazin Royale" und der ZDF-"Heute Show". Das „Umweltsau“-Lied soll wieder online gestellt werden, fordern sie.