Stoiber deutet Einlenken an, Schmutzkübelkampagne gegen Horst Seehofer.
BERLIN/MÜNCHEN. Ruhe und Gemütlichkeit im bayrischen Hochgebirgstal verheißt die Fremdenverkehrswerbung. Doch unter weiß-blauem Himmel wich die Beschaulichkeit des mondänen Kurbads am Dienstag der fiebrigen Erwartung des letzten Akts im Königsdrama um Edmund I. und einer Nacht der langen Messer.
Gerüchte über einen Amtsverzicht, Spekulationen über eine Ämterteilung und sich widersprechende Wortmeldungen machten die Runde in und vor der Hanns-Seidel-Stiftung, in der die CSU-Landtagsabgeordneten in einer Marathonsitzung Tacheles mit ihrem Landesvater redeten. Sie berichteten ihm vom Volkszorn und dem Unmut an der Basis, sie appellierten an seine Vernunft, sie flehten, beknieten, beflegelten ihn. Und sie beschworen ihn, den Weg für eine Lösung freizumachen, die die Partei vor dem Sturz in den Abgrund bewahren würde.
Am Vorabend hatte Stoiber ein Einlenken angedeutet: Er wolle, müsse aber nicht als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2008 antreten, lautete seine neueste Volte im Ringen um die Macht. Ein diplomatischer Schachzug, um die Gemüter zu besänftigen? Vor einer Woche hatte es an der selben Stelle noch ganz anders getönt: Er sei schließlich nicht bekannt für halbe Sachen, erklärte er und ließ durchblicken, bis 2013 weiterregieren zu wollen. Danach kochte die Wut in Funktionärskreisen über. Das Drama zog Bayern, ja, ganz Deutschland in seinen Bann.
Die Kabinettssitzung der Bundesregierung in Berlin hatte kein anderes Thema als das Schicksal des bayrischen Ministerpräsidenten. So mancher in der Koalition atmete auf über das Ende der Quertreibereien aus München und frohlockte über die geschwächte Position der CSU.
Selbst der EU-Rat der Innen- und Justizminister in Dresden war überlagert von der Frage der Kalamitäten um die CSU, zumal einer der Protagonisten des Machtkampfs zu Gast war bei seinen Kollegen: Bayerns Innenminister Günther Beckstein, Favorit für die Stoiber-Nachfolge als Ministerpräsident. Er sei ja leider nicht mehr "ganz jung" witzelte der 63-Jährige, der seit einem schweren Tinnitus ein Hörgerät trägt - und sich auch offen dazu bekennt. In der Politik sei alles möglich - und auch das Gegenteil davon, philosophierte er schelmisch.
Das hatte beinahe die Qualität von Franz Beckenbauers Motto "Schau ma mal, dann segn ma scho." Und weil Beckenbauer nicht auch noch in der Politik mitmischen will, gilt Beckstein als Wunschkandidat der Bevölkerung.
Es wäre ein Novum: Er wäre der erste Franke - und der erste Protestant obendrein - im Amt des Ministerpräsidenten. Schon sickerte jedoch durch, dass Stoiber keinen seiner Kronprinzen für befähigt halte, seine Nachfolge anzutreten. So streuten es jedenfalls manche in der CSU, die ihrem Chef schaden wollten: Der eine sei zu alt (Beckstein), der andere zu jung (Fraktionschef Joachim Hermann), der dritte zu unbeliebt (Wirtschaftsminister Erwin Huber) - und der vierte schließlich, Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer, hat momentan andere Sorgen. "Baby mit heimlicher Geliebten", titelte die "Bild"-Zeitung.
Prompt sagte Seehofer alle Termine ab. In Wildbad Kreuth, in München, in Berlin - überall schäumte die Empörung über die Intrigen. Woher, so fragten sich alle, stammen die Indiskretionen?
Die Spin-Doktoren in der Münchner Staatskanzlei dementierten sofort. Einige tippen auf Seehofers Gegner in der Bundestagsfraktion, andere auf seine Frau in Ingolstadt. Nur einer versuchte in dem aufgeheizten Klima Gelassenheit zu bewahren. Von Dresden aus rief Beckstein seine Partei zur Räson auf und sprang seinem Parteifreund Seehofer, seinem Partner im CSU-Wunschgespann der Post-Stoiber-Ära, zur Seite.