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Was Wissen schafft

Im Prosaband „Auf offenem Meer“ schildert Bettina Balàka das Los großer Wissenschaftler, die mit Konkurrenzneid und Engstirnigkeit der Mitwelt kämpfen mussten.

Was haben der englische Tischler und Uhrmacher John Harrison (1693–1776) und der russische Botaniker und Genetiker Nikolaj Ivanovich Vavilov (1887–1943) gemeinsam? Beide waren Meister ihres jeweiligen Fachs, doch dem Forschungsstand ihrer Zeit so weit voraus, dass ihre wissenschaftlichen Errungenschaften auf Misstrauen und Ablehnung stießen. Beide wurden Opfer ihrer Konkurrenten: Harrison musste nach der Erfindung einer genauen Uhr, die zur Bestimmung des Längengrads auf See taugte, die Hälfte seines Lebens um das Preisgeld kämpfen, das vom englischen Parlament ausgeschrieben worden war. Valivov traf es härter. Der international bedeutendste Botaniker der Zwischenkriegszeit wurde nach Intrigen und Anzweiflung seiner Theorien zur Genetik durch den Agrarbiologen Trofim Denissovich Lyssenko 1940 wegen „antisowjetischer Tätigkeit“ zum Tode verurteilt. Seine Strafe wurde zwar auf eine mehrjährige Haftstrafe herabgesetzt, doch verstarb er 1943 an den Folgen der jahrelangen Mangelernährung im Gefängnis.

Beiden hat die vielseitige österreichische Schriftstellerin Bettina Balàka in ihrem neuen Prosaband „Am offenen Meer“ je eine Erzählung gewidmet, in der das kompromisslose Engagement passionierter Wissenschaftler im Mittelpunkt steht. „Ich glaube zutiefst an die Wissenschaft. Sie ist mein Leben und der Zweck meines Lebens. Ich würde nicht zögern, mein Leben für das kleinste Stück Wissenschaft zu geben“, schrieb Vavilov einst in einem Brief an seine Frau. Während es den Forschern um ihre hehren Ideen für den Fortschritt der Menschheit geht, werden sie dabei von genau jenen behindert, in deren Interesse das Gelingen ihrer Untersuchungen eigentlich stehen sollte: den Repräsentanten der Macht. Diesen geht es allerdings nicht um Inhalte, sondern allein um Machterhalt und Kontrolle.

Balàka unterstreicht dieses Phänomen, indem sie fachlich unbedarfte Figuren erzählen lässt: In „Titanic“ vermittelt ein mit allen Wassern zynischer Folterkunst gewaschener Gefängniswärter nicht nur seine Begegnungen mit dem prominenten Gefangenen Vavilov und sein wachsendes Interesse an dessen konsequenter Haltung. Er formuliert auch sein Dilemma zwischen Pflichterfüllung und Mitgefühl.

Ähnlich ergeht es dem Erzähler in „Lignum Vitae“, einem Schiffsjungen, der in Harrison einen väterlichen Freund zu finden und in einem Kollegen einen Spion zu entlarven meint. Beide Erzähler zeigen schließlich unter großem persönlichen Einsatz Mut zur Menschlichkeit. Die Umkehrung zeigt die Autorin in der Erzählung „Friendly Fire“, in der die Automatisierung und Entmenschlichung moderner Kriegsführung sowie die mediale Einübung in stete Kampfbereitschaft thematisiert werden.

Balàka erweist sich in diesen Prosatexten als Meisterin des Erzählens. Souverän strukturiert sie ihre Geschichten und packt sie in eine genaue Sprache, die selbst Begriffen aus der jeweiligen Fachsprache zu poetischer Kraftentfaltung verhilft. Durch die Verzahnung von Beschreibung und Kommentar sowie Intervention durch die Erzählfiguren bricht sie die klassische Glätte der Erzählungen auf und verleiht ihnen dadurch einen feinen kritischen Anstrich.

Die beiden kürzeren Erzählungen, die ohne den Rahmen einer historischen Biografie und, damit einhergehend, einer speziellen fachlichen Ausrichtung auskommen, sind weniger komplex und auch sprachlich weniger beeindruckend. Doch auch sie sind durchaus überzeugend auf eine Wendung in der Handlung hin aufgebaut, die am besten mit dem Begriff „Ironie des Schicksals“ zusammengefasst werden kann: Ob in einer französischen Bilderbuchfamilie oder in ei- nem „vorbildlich“ geführten Frauengefängnis – die Kontrolle über selbst gezimmerte Machtbereiche wie diese ist nur sehr bedingt möglich. Mit leisem Sarkasmus wird hier erzählt, wie sozialer Druck nur Gegendruck, wie Gewalt immer nur Gewalt erzeugt.

Der Band schließt mit einer Erzählung über ein ungleiches Paar („Blaue Augen“): Das schlechte Gewissen des aus einer Nazi-Familie stammenden Mannes wird darin von der Unbeschwertheit seiner Frau konterkariert, die von Widerstandskämpfern abstammt. Damit ist Bettina Balàka ein interessanter wie amüsanter Kommentar zur Problematik österreichischer Vergangenheitsbewältigung aus der Sicht der Generation der Nachgeborenen gelungen.

So heterogen die in den Erzählungen angesprochenen Themen auch wirken, so rätselhaft der Titel des Bandes auch erscheinen mag, retrospektiv betrachtet (und ein wenig bemüht) lässt sich vielleicht doch ein kleinster gemeinsamer Nenner finden: Da treibt der Mensch durchs Leben wie „Auf offenem Meer“ und entwickelt Riesenkräfte, um gegen den Strom zu schwimmen, solange er eine Idee verfolgen kann; sobald ihm diese abhandenkommt, agiert er der allgemeinen Strömung entsprechend: in egoistischen Bahnen. Auch wenn es an wenigen Stellen stilistische Einbrüche zu verzeichnen gibt – Balàkas Prosa lässt sich wie immer empfehlen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)