Dichands Erbe: Machtkampf um die "Krone"

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Dichand-Grab(c) APA/GEORG HOCHMUTH (GEORG HOCHMUTH)

In der Frage der Nachfolgerschaft wird Sohn Christoph als Herausgeber gehandelt, Hans Mahr als Chefredakteur. WAZ-Chef Christian Nienhaus im Gespräch mit der "Presse": "Wir würden Dichand-Anteil kaufen."

WIEN. Der Termin war lange geplant und wurde auch nicht mehr abgesagt. Am Donnerstagabend trafen sich Mitglieder des Verbands Österreichischer Zeitungen (VÖZ), Journalisten und Politiker zum traditionellen Heurigen in Grinzing. Am Vormittag war mit Hans Gasser, dem Vorstandsvorsitzenden der Wirtschaftsblatt AG, ein neuer VÖZ-Präsident gewählt worden. Doch das Gesprächsthema des Abends war natürlich ein anderes: der Tod von Hans Dichand.

Vor allem die Frage, wie es bei der „Kronen Zeitung“ nun weitergehen wird, beschäftigte die Medienexperten. Stichhaltige Informationen gab es wenige Stunden nach dem Ableben des „Krone“-Chefs noch nicht. Doch in einem Punkt waren sich die Heurigenbesucher einig: Ein neuer Boss in der Muthgasse könnte nicht nur Österreichs größte Tageszeitung verändern, sondern auch das Land. Nicht wenige rechnen in nächster Zeit mit einem „Chaos in der ,Krone‘“.

Fast drei Millionen Leser und eine Druckauflage von annähernd einer Million machen die „Kronen Zeitung“ zum einsamen Goliath unter den österreichischen Printmedien. Sicher ist, dass ein neuer Chef nicht mehr die alleinige Macht im „Krone“-Hochhaus im 19. Wiener Gemeindebezirk übernehmen wird, wie sie Dichand als alleinvertretungsberechtigter Hauptgeschäftsführer hatte. „Das war ein großer Mann, der Großes geschaffen und Großes geleistet hat“, würdigt WAZ-Geschäftsführer Christian Nienhaus Dichand im Gespräch mit der „Presse“. Die „Westdeutsche Allgemeine Zeitung“ (WAZ) ist zu 50Prozent an der „Krone“ beteiligt, die zweite Hälfte gehörte Dichand.

 

Künftig Parität in der Geschäftsführung

Für die Zeit nach Dichand sieht der Gesellschaftervertrag deutlich mehr Mitsprache für den Miteigentümer vor. Künftig herrscht in der Geschäftsführung der „Krone“ Parität: Wolfgang Altermann wurde von Dichand eingesetzt, seit einigen Wochen ist auch der lang verwaist gewesene Posten des von der WAZ bestellten Geschäftsführers wieder besetzt: Axel Kroll vertritt die WAZ-Interessen in der größten österreichischen Tageszeitung. Ob der 68-jährige Altermann auch nach Dichands Tod Geschäftsführer bleiben will (er ist nur auf Wunsch seines Freundes und Weggefährten nicht in Pension gegangen), ist Teil der Spekulationen über die Pläne der Familie Dichand.

Bei der Zeitung stehen wichtige unternehmerische Entscheidungen an. Der Jahresgewinn ging zuletzt auf 13 Millionen Euro zurück, das Eigenkapital sank von 41 auf fünfzehn Prozent. Der WAZ missfiel das sehr. Aus einem so starken Produkt müsse eigentlich mehr herauszuholen sein, finden die Deutschen.

Auch in der Mediaprint, einer gemeinsamen Verlagsgesellschaft von „Krone“ und „Kurier“ (siehe Grafik) waren die Zeiten früher besser. Das Geschäftsjahr 2008/09 endete mit einem operativen Verlust von 6,5 Millionen Euro – nach einem Gewinn von über zehn Millionen im Jahr davor. Die WAZ überlegte zuletzt, ihren Anteil an der „Krone“ zu verkaufen. Einen potenziellen Käufer gab es auch schon: die Raiffeisen-Gruppe, bereits Mehrheitseigentümer des „Kurier“. Doch eine Angebotsfrist verstrich zu Pfingsten ungenützt.

Jetzt könnte es zu spät sein. Denn die WAZ will nicht mehr verkaufen, sondern – falls die Dichands damit einverstanden sind – ihre Beteiligung sogar aufstocken, wie Nienhaus bestätigt: „Wir streben eine langfristige Partnerschaft mit der Familie Dichand an. Insbesondere zu den kolportierten Preisen würden wir eher kaufen als verkaufen.“ Die Familie Dichand hatte dem Vernehmen nach 130 bis 160 Millionen Euro für den Hälfte-Anteil der WAZ angeboten – das war der WAZ zu wenig, sie würde aber gern für diesen Preis die Dichand-Anteile übernehmen, „um die ,Krone‘ in eine gute Zukunft zu führen“, wie Nienhaus sagt.

Sollte die Mediaprint aufgelöst werden, könnte in der Branche noch einiges mehr in Bewegung kommen. Horst Pirker, Vorstandsvorsitzender der Styria Media Group, erklärte am Freitag sein grundsätzliches Interesse an einem Einstieg beim „Kurier“. Dieser sei „immer eine interessante Überlegung“, sagte Pirker. „Zurzeit stellt sich diese Frage aber noch nicht, weil die Mediaprint ja noch intakt ist.“

 

Weniger Geld für Dichands

Auch ohne Aufstockung der Anteile könnte die WAZ bald größter Einzelgesellschafter der „Kronen Zeitung“ sein. Noch ist nicht klar, wie Dichand sein Erbe geregelt hat. Falls es kein Testament gibt, erbt Ehefrau Helga ein Drittel der „Krone“, die gemeinsamen Kinder Michael, Johanna und Christoph die restlichen zwei Drittel. Die Verteilung der Anteile würde dann so aussehen: WAZ: 50Prozent, Helga Dichand: 16,66, die Kinder je 11,11Prozent.

Die WAZ profitiert außerdem davon, dass mit Dichands Tod dessen vertraglich fixierter Vorabgewinn der Vergangenheit angehört. Während der Zeitungszar zuletzt über neun Millionen Euro im Jahr vom „Krone“-Ergebnis abschöpfen durfte und erst der Rest halbe-halbe zwischen den beiden Eigentümern aufgeteilt wurde, erhalten die Erben „nur“ noch die Hälfte der bisherigen Ausschüttung fix.

Bleibt die Frage, welchen Part Dichands Sohn Christoph und dessen Frau Eva künftig spielen sollen. Dichand junior ist von seinem Vater gegen den Willen der WAZ als Chefredakteur der „Kronen Zeitung“ installiert worden. „Es könnte möglicherweise angeraten sein, dass wir wieder einen geschäftsführenden Chefredakteur benennen, weil es Hans Dichand als journalistische Integrationsfigur der ,Krone‘ nicht mehr gibt“, kündigt Nienhaus an. Christoph Dichand wird unterdessen Interesse an der Herausgeberschaft nachgesagt.

(c) Die Presse / HR

 

Chefredakteur Hans Mahr?

Chancen auf einen Top-Job an der Spitze der „Krone“ könnte Hans Mahr (61) haben, ehemaliger Politik-Chef des Blattes, später Chefredakteur des deutschen Privatsenders RTL und derzeit Vorstand beim Pay-TV-Sender Premiere. Mahr reiste nach der Todesnachricht sofort nach Wien, um – wie er im Fernsehen sagte – „ein bisschen mitzutrauern“. An eine Rückkehr zur „Krone“ denke er nicht, so Mahr. „Das Management und die Familie werden dafür sorgen, dass die ,Krone‘ groß und stark bleibt.“ Das Vorschlagsrecht für den „Krone“-Chefredakteur liegt auch nach Dichands Tod bei der Familie.

Eva Dichand ist derzeit Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“, die offiziell einer Privatstiftung gehört. Eine finanzielle Verflechtung mit der Familie ihres Mannes hat sie stets in Abrede gestellt. Eva Dichand könnte, heißt es, im Zuge einer Umgestaltung Verlagsmanagerin in der Mediaprint werden. Dort bräuchte man noch einen Geschäftsführer, der auch für das Anzeigengeschäft zuständig ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)