Die Fußball-WM ist gerade erst eine Woche alt – schon beginnen die erfahrensten meiner Kollegen in der „Presse“ zu raunzen, dass dieses afrikanische Abenteuer fade sei.
Ja, das sind dieselben Damen und Herren, die noch vor Kurzem unermüdlich dafür gerackert haben, ihre Panini-Alben zu komplettieren, angeblich für den Nachwuchs. Die sogar ihre Kolumnen dafür missbraucht haben, mitzuteilen, dass ihnen noch ein Tim Wiese abgeht, der gar nicht spielt. Ich finde das moralisch bedenklich. Abgesehen davon fehlen mir noch immer die Nummern 56, 167, 522 und 616.
Aber das ist nicht das Thema. Deutschland hat vor einer Stunde gegen Serbien verloren, verdientermaßen, denn auch wir haben gegen Serbien seit 1914 immer wieder verloren, und ich soll jetzt noch rasch darüber schreiben, wie in diesem Jahr die Wiener Festwochen gelaufen sind.
Bleiben wir also beim Thema. Ich finde diese WM geschickt inszeniert. Im ersten Akt gab es das zweifache Torhüter-Drama, das inzwischen vielleicht bei der Begegnung England vs. Algerien in einer tragischen Doppelrolle wiederholt worden ist. Robert Green gegen Faouzi Chaouchi, das ist Sadismus. Das ist, wie wenn Castorf Stein inszeniert oder Bondy Dostojewski singt. Und dann hat Maradona auch noch seine verschwitzten argentinischen Buben nach dem 4:1 gegen Südkorea geküsst. Im Anzug!
Herr Löw hingegen trägt die Weste eines Oberstudienrates. Tiefstes Stadttheater! So werden die Deutschen niemals Nestroy-Preisträger. Löw und Klose sind das retardierende Moment im Afrika-Drama, von dem ich mir bald rührende Abschiedsszenen wie beim späten Tschechow erwarte; weinende Griechen, sterbende Italiener, kunstsinnige Nordkoreaner, die mit Peter Noever zum Abschied ein völkerverbindendes Tirolerlied singen: „Kim!“
Ach ja, die Kultur. Wie waren die Festwochen? Es gab sehr viele Verlängerungen im MQ, auch donnerstags. Aber auf den Video-Screens lief nicht einmal Mexiko gegen Frankreich.
Löw und Klose sind
das retardierende Moment
im südafrikanischen Drama.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2010)